Neue OZ: Kommentar zu Grass
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Jeder kennt das: das peinliche Schweigen, das einsetzt, wenn sich
Oma oder Opa auf der Familienfeier in seltsame Gedanken versteigen.
Den Mund verbieten kann man den ehrwürdigen Alten schlecht, deshalb
lässt man sie reden, blickt verschämt zu Boden - und wechselt dann
dezent das Thema.
So halten es die Israelis mit Günter Grass: Offizielle Stellen
äußern pflichtgemäß ihre Kritik, lassen den Mann aus Lübeck ansonsten
aber reden. Und der Iran? Findet ein paar dürre, lobende Worte via
staatliche Nachrichtenagentur. Um mit Karl Valentin zu sprechen: Die
Betroffenen ignorieren Günter Grass nicht einmal.
Das entspricht genau genommen dem Wert des Gedichts. Als Lyrik
keine Meisterleistung, bewegt es sich inhaltlich auf - Verzeihung -
Stammtischniveau. Gleichzeitig schießt die Kritik an Grass weit übers
Ziel hinaus: Der Autor ist gewiss kein Antisemit. In ein paar Wochen
wird sich der Sturm der Entrüstung gelegt haben, stehen sich Israel
und der Iran so feindlich gegenüber wie eh und je, kurz: Grass wird
nichts bewirkt haben. Nur wenn er seine Stimme erhebt, schaut man
peinlich berührt zu Boden.
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Datum: 06.04.2012 - 22:00 Uhr
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