Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu Fußball/EM/Deutschland von Heinz Gläser
ID: 654864
mangelnde Infrastruktur, über Gewalt im Fußball und über die prekäre
politische Situation im Land des Co-Gastgebers Ukraine hat ab heute
Abend der Sport das Wort. Das soll jedoch nicht heißen, dass sich
über Sinn und Unsinn dieser Kombi-Europameisterschaft im Osten
Europas nicht weiterhin trefflich streiten ließe. Letztmals wird das
kontinentale Turnier mit 16 Teilnehmerländern ausgespielt. In vier
Jahren in Frankreich werden es 24 sein, also fast die Hälfte der 53
Mitglieder der Europä-ischen Fußball-Union Uefa. Die langwierige
Qualifikation wird damit mehr oder weniger zur Farce. Ein
Fußballplatz mag ja durch Seitenlinien begrenzt sein, der
Expansionsdrang der Funktionäre ist jedoch grenzenlos. Sie blähen ihr
profitables Format im Sinne der Gewinnmaximierung weiter auf. Das
hehre Ziel, den "Kleinen" in Europas Fußball eine größere Bühne zu
bieten, wirkt da vorgeschoben. Hier versucht eine Sportart, ihr
Beinahe-Monopol in der öffentlichen Wahrnehmung weiter zu
zementieren. Im Namen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat dessen
Präsident Wolfgang Niersbach signalisiert, dass er diesen Kurs der
Uefa nur widerwillig akzeptiert. Der 61-Jährige hat sich in den
wenigen Monaten seiner Amtszeit bereits nachhaltig profiliert. Er
hebt sich wohltuend ab vom Schwulst und Pathos, die sein Vorgänger
Dr. Theo Zwanziger in den letzten Jahren seines Wirkens pflegte.
Niersbach arbeitet unaufgeregt, er wirkt sympathisch und gewinnend.
Und er leitet in Polen und der Ukraine eine Delegation, deren Auswahl
allenthalben zum engen Favoritenkreis gezählt wird. Die Jagd nach dem
vierten Stern geht also in die nächste Runde. Jeweils drei Welt- und
Europameistertitel haben deutsche Nationalteams bislang errungen. Der
letzte Triumph datiert von 1996, und im Fußball-Volk wächst die frohe
Erwartung, dass die junge Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw
diese Durststrecke beenden wird. Sollte dieses Vorhaben gelingen,
wäre das die Spätfolge eines Desasters. Erst nach der sportlich
komplett missratenen EURO 2000 in Holland und Belgien
professionalisierte der DFB seine Jugendarbeit und trieb die
Ausbildung voran. Die Ernte fährt nun Löw ein, dem die Bundesliga
immer neue Talente zuführt. Der aktuelle EM-Kader weist eine
besondere Qualität und Dichte auf. Mehr noch: Der deutsche Fußball
ist attraktiv und wird seit der WM 2010 in Südafrika auch
international geschätzt, ja bewundert. Spielerisch braucht sich die
DFB-Auswahl vor keiner Mannschaft der Welt mehr zu verstecken. Und
sie ist - ganz nebenbei - ein Musterbeispiel für gelungene
Integration. All das ist jedoch keine Garantie, dass diese EM-Mission
ein glückliches Ende findet. Der Druck ist gewaltig, und im Gegensatz
zur forschen WM 2010 geht die Mannschaft mit der Gewissheit in das
Turnier, dass von ihr Großes erwartet wird. Löw und sein Team wandeln
auf einem schmalen Grat. Das Gros der Auswahl, also die Stars des FC
Bayern München, trägt noch schwer an einer Saison voller finaler
Enttäuschungen. Und gelingt es, das zweifellos vorhandene Potenzial
zur rechten Zeit abzurufen? Nun: Die Antwort wird am 1. Juli beim
Finale in Kiew gegeben. Spätestens.
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Datum: 07.06.2012 - 20:14 Uhr
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