Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Thema Anglizismen
ID: 713070
Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten.« Jil Sander hat das
gesagt, dabei wollte die Modefachfrau bloß die Binsenweisheit
übermitteln, dass ihre Kunden originelle Qualitätskleidung lieben. Es
gab Zeiten, da galt ein Deutscher als Ausbund an Weltläufigkeit, wenn
er den Conférencier zum Showmaster umetikettierte. Seit sich aber in
Wort und Schrift die Anglizismen tummeln, reißt die Kritik an der
Überfremdung der Sprache nicht mehr ab. Traditionsbewusste Bürger,
gelegentlich auch Pädagogen sehen unsere Muttersprache am offenen
Grabe stehen, ohne allerdings quantifizieren zu können, wieviele
englische Lehnwörter Mutter Sprache denn nun schultern könne, bevor
sie unter der Last mit einem letzten Seufzer in die Grube fährt. Die
Diagnose - drohender Tod der deutschen Sprache - klingt plausibel.
Leider. Doch sobald der Krankheitskeim identifiziert werden soll -
angeblich der Anglizismus - trübt sich im bürgerlichen Labor die
Linse. Bis zur Verschreibung eines wirkungslosen Rezepts - streiche
Airbag, setze Prallsack (und dergleichen Kuriositäten) - ist es dann
nur noch ein kleiner Schritt. Anglizismen vermeiden kann jeder. Wer
das deutsche Wort liebt, muss ja bei der Weltmeisterschaft nicht mehr
zum Public Viewing gehen, er geht ins Fußballkino. Und der wahre
IT-Profi hat, kühl bis ans Herz, seinen Computer längst als bloßen
Rechner demaskiert. Cool. Noch mal: Anglizismen muss keiner benutzen.
Dann ist das fremde Wort tot, es lebe die deutsche Sprache.
Entspanntes Zurücklehnen ist angesagt. Ja, wenn das so einfach wäre.
Dem Deutschen drohen Gefahren von ganz anderer Seite. Da sitzt das
Kleinkind, von gestressten Eltern ruhiggestellt, vor dem Fernseher,
aus dem Sätze bar jeder Grammatik quellen, bis es lull und lall ist.
In der Schule, wo kreative kleine Sprachbenutzer ihre Workbooks in
Würgbucks umgetauft haben, reicht es kaum je zur Bildung
vollständiger Sinneinheiten, stattdessen werden Lückensätze mit
Einzelwörtern zugestöpselt. Am Ende eines langen Lebens Reise ins
Fragment hütet dann der junge Erwachsene einen Wort-»Schatz«, dessen
zweiter Wortteil allerdings nur ein Euphemismus ist. Das ist die
Stunde des Anglizismus. Dem, der bloß lallt und lollt (von »LOL« =
laughing out loud), bietet er die Chance auf ein armseliges Häppchen
Bedeutung. »Wer von 'Kids' spricht, will sich anbiedern«, hat der
Autor Jens Bisky ganz richtig beobachtet - und sich gefreut, dass man
den Schleimer schon an seiner Wortwahl erkennen kann. Jil Sander zum
Beispiel. Nicht der Anglizismus killt unsere Sprache. Das besorgen
wir ganz ohne fremde Hilfe. Wo die Kunst des Lesens größerer
Texteinheiten verkümmert, ist irgendwann auch der letzte deutsche
Satz verklungen. Das ist gewiss nicht zu appreciaten. Zu ändern ist
es wahrscheinlich auch nicht.
Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 - 585261
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 03.09.2012 - 20:00 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 713070
Anzahl Zeichen: 3254
Kontakt-Informationen:
Stadt:
Bielefeld
Kategorie:
Kunst und Kultur
Diese Pressemitteilung wurde bisher 281 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Thema Anglizismen"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
Westfalen-Blatt (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Der international renommierte Jazz-Trompeter Till Brönner befürchtet, dass Politik und Gesellschaft nichts aus der Zeit der Corona-Pandemie gelernt haben. "Das Erste, was wir tun, wenn es eng wird, ist ausgerechnet unsere DNA, nämlich die Kultur- und die Veranstaltungsbranche und die, die un
34 Polizeischüsse: Autofahrer gelähmt, Ermittlungen eingestellt ...
Die 34 Schüsse, die Polizisten vor zwei Jahren in Bad Salzuflen auf einen Audi und seinen Fahrer (19) abgegeben hatten, bleiben ohne strafrechtliche Folgen - es wird keinen Prozess geben. Die Staatsanwaltschaft Detmold hat nach WESTFALEN-BLATT-Informationen das Verfahren gegen die beiden Herforder
NRW: Polizei überwacht afghanischen Sexualtäter ...
Im Kreis Herford (NRW) wird ein afghanischer Sexualstraftäter in Absprache mit dem Landeskriminalamt "engmaschig" von der Polizei überwacht. Der 24-Jährige, der als rückfallgefährdet gilt, hatte nach einer Sexualtat eine Haftstrafe von drei Jahren und acht Monaten verbüßt und war in
Weitere Mitteilungen von Westfalen-Blatt
General-Anzeiger: Zwischenfall in Köln/Bonn: Maschine musste schon einmal notlanden ...
Der Zwischenfall mit der Maschine der deutschen Charterfluggesellschaft XL Airways Germany am Flughafen Köln/Bonn ist nach Informationen des Bonner "General-Anzeigers" nicht der erste mit der Boeing 737-800, die die amtliche Kennung D-AXLF trägt. Am 18. Oktober 2008 musste die Maschine
.spatiotemporal - Gruppenausstellung während der Berlin Art Week / Vernissage 11. September 2012, ab 19 Uhr ...
In der Ausstellung .spatiotemporal zeigt Galerie Thomas Crämer neue Arbeiten von Axel Anklam, Matthias Pabsch und Christopher Sage in einer einzigarten architektonischen Umgebung. Die Architektur einer transportablen Raumerweiterungshalle aus der ehemaligen DDR bildet das ästhetische Gerüst fÃ
Start des Ausbildungsjahres - GRÜNE: Trotz offener Stellen Handlungsbedarf bei Jugendlichen ohne Ausbildung ...
Die Landtagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN warnt davor, angesichts offener Ausbildungsstellen die Probleme auf dem Ausbildungsmarkt zu vergessen. Immer noch fänden auch in Hessen tausende Jugendliche keinen Ausbildungsplatz. DIE GRÜNEN fordern deshalb verstärkte Hilfen an Hauptschulen, dami
ZDF-Philosophiesendung "Precht" erfolgreich gestartet ...
Die Premiere der ZDF-Philosophiesendung "Precht" mit Gastgeber Richard David Precht erreichte am Sonntag, 2. September 2012, 23.25 Uhr, eine für Kultursendungen am späten Sonntagabend ungewöhnlich hohe Zuschauerbeteiligung. Das Gespräch mit dem Neurobiologen, Hirnforscher und Bildun




