Wie tief muss man sich verbeugen?
ID: 720676
Internationale Tagung zu kulturellen Unterschieden und der Leistungskraft von Ritualen an der Universität Vechta
Der Fokus der Tagung lag auf der Zeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert - das Thema ist aber auch in der Gegenwart von zentraler Bedeutung. Vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Globalisierung spielt es eine wichtige Rolle, wie Angehörige unterschiedlicher Kulturen über Grenzen hinweg eine gemeinsame Verständigungsebene schaffen. Dies gilt nicht nur für die Sprache, sondern auch für Zeichen und Rituale. So existieren symbolische Ausdrucksformen, die weltweit verständlich sind. Andere Gesten hingegen können nicht ohne Bedeutungsverlust oder Missverständnisse auf andere Kulturen übertragen werden. Wie Gesandte in der Vormoderne diese Klippen umschifften war eine zentrale Frage der Tagung.
Aufgrund der kulturellen Unterschiede griffen Gesandte in der Fremde zunächst auf Zeichen zurück, die über Grenzen hinweg verständlich waren. Ein gemeinsames Mahl wurde und wird in allen Gemeinschaften als Signal des Friedens und der Freundschaft interpretiert. Im habsburgisch-osmanischen Grenzverkehr etwa bewirteten sich die Gesandten gegenseitig mit Kaffee und Konfekt. Ebenso gilt und galt der Spruch, dass Geschenke die Freundschaft erhalten. So besaßen Gaben im diplomatischen Austausch eine wichtige Funktion, um sich des guten Einvernehmens zu versichern. Doch während etwa Silbergeschenke im Osmanischen Reich sofort eingeschmolzen wurden, quellen noch heute die Bestände des Moskauer Kremls schier über vor wertvollen Pretiosen, die den Großfürsten und Zaren im Laufe der Jahrhunderte zugedacht wurden. Die Geschenke lieferten jedoch auch wichtige Informationen über den Geber: So schenkte die englische Königin Elisabeth I. dem Sultan eine wertvolle Orgel und wies damit gleichzeitig auf die technologische Überlegenheit ihres Reichs hin. Ähnliche Absichten verfolgte auch ein Botschafter Ludwigs XIV. in Konstantinopel: Indem er in seiner Residenz einen prachtvollen Festzug ausrichten ließ, präsentierte er dem staunenden Publikum Macht und Glanz des Sonnenkönigs.
An den fremden Höfen wurden den Gesandten vor allem Zeichen der Ehrerbietung abverlangt. So stellten das Ziehen des Huts, eine Verneigung oder das Entgegengehen zwar in allen Gesellschaften eine Geste der Reverenz dar. Doch im Einzelfall variierte die genaue Ausgestaltung. Wann musste der Hut gelüftet werden? Wie tief hatte sich der Gesandte zu verneigen? Die Verbeugung selbst war Element eines interkulturell verständlichen Codex. Wann sich allerdings, wer, in welcher Situation, wie tief zu verbeugen hatte, entsprach regionalen Gepflogenheiten.
Die entscheidende Leistungskraft der Rituale bestand im diplomatischen Alltag darin, dass sie dynamisch veränderbar waren und somit flexibel auf neue Herausforderungen reagieren konnten. Zumeist konnten die Einzelheiten ausgehandelt werden und damit den veränderten politischen Situationen Rechnung tragen. Zudem konnte ein und dieselbe äußere Form von den Beteiligten unterschiedlich interpretiert werden. Ein Geschenk konnte etwa von der einen Partei als Tribut, von der anderen als eine freiwillige Ehrengabe gedeutet werden. Indem jeder der Beteiligten das Ritual in seinem Sinne auslegen und in sein Wertesystem integrieren konnte, ebnete diese Mehrdeutigkeit den Weg für ein friedfertiges Miteinander.
Was sich dem modernen Betrachter auf den ersten Blick als Ringen um nichtige Kleinigkeiten darstellt, war für die Beteiligten ein Vorgang von höchster politischer Brisanz: Wer sich tiefer verneigte oder eher den Hut zog, ehrte sein Gegenüber und attestierte ihm damit einen höheren Rang. Im Gegensatz zur Gegenwart konstituierten diese rituellen Ausdruckformen die politische Realität. Daher stellte das diplomatische Kräftemessen um den zeremoniellen Vorrang keine bloße Spielerei dar, sondern es war Ausdruck ernsthafter Bemühungen um politische Dominanz.
Shortlink zu dieser Pressemitteilung:
http://shortpr.com/1i5eil
Permanentlink zu dieser Pressemitteilung:
http://www.themenportal.de/kultur/wie-tief-muss-man-sich-verbeugen-94961
Weitere Infos zu dieser Pressemeldung:
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
-
Universität Vechta
Sabrina Daubenspeck
Driverstraße 22
49377 Vechta
pressestelle(at)uni-vechta.de
04441/15-520
www.uni-vechta.de
Datum: 13.09.2012 - 14:05 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 720676
Anzahl Zeichen: 5459
Kontakt-Informationen:
Ansprechpartner: Sabrina Daubenspeck
Stadt:
Vechta
Telefon: 04441/15-520
Kategorie:
Kunst und Kultur
Meldungsart:
Anmerkungen:
Diese Pressemitteilung wurde bisher 413 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Wie tief muss man sich verbeugen?"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
Universität Vechta (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
(ddp direct) Seit der Antike ist das Verhältnis von Mensch und Pferd ein dynamisches und höchst wechselseitiges. Der Pegasusritt des Dichters oder die Verschmelzung von Mensch und Pferd im Zentauren sind hierfür nur einige Bespiele. In den Dekaden der Aufklärung wird das Verhältnis von Mensch u
Meine Sandburg ist höher als deine! Wie Kinder Mathematik in der Natur entdecken können ...
(ddp direct) Zwei Kinder sitzen im Sandkasten und bauen Burgen. Sie verschönern sie mit Steinen, Ästen und Blättern, dann bewundern sie ihr Werk. Eine alltägliche Situation, wie sie in jedem Kindergarten und jeder Kindertagesstätte vorkommen kann. Und eine Situation, die sich für mathematis
Artist in Residence in der Stadt Vechta ...
(ddp direct) Ausschreibung Die Kreis- und Universitätsstadt Vechta, 33.000 Einwohner, ist im schönen Nordwesten Niedersachsens gelegen. Vechta stellt eine Symbiose aus ländlicher Beschaulichkeit und beginnender Urbanität dar, die viele Menschen als besonders lebenswert erfahren. Der Wirtschaf
Weitere Mitteilungen von Universität Vechta
Brücke in eine andere Welt SWR-Dokumentation von Annette Wagner über die Demenzexpertin Naomi Feil / Sendung am Sonntag, 16. September 2012 um 10.30 Uhr im SWR Fernsehen ...
Die alte Frau beschimpft das Publikum in der Messehalle, sie bestohlen zu haben. Wütend spuckt sie auf den Teppich zwischen den Stuhlreihen. Dann schlüpft sie aus ihrer Rolle - und erklärt, wie diese Krisensituation in einem Pflegeheim entspannt werden könnte: eine typische Szene aus einem Wo
Erfolgreicher Start der Frank Stella - Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg am 8. September 2012 ...
Frank Stella (geb. 1936) ist einer der letzten lebenden Heroen der amerikanischen Malerei aus der Zeit der 1950er und 1960er Jahre. Auch Stellas jüngere Arbeiten offenbaren seine immer wieder aufs Neue überzeugenden Wege in die Abstraktion. Mit einem Paukenschlag eroberte der kaum zwanzigjährige
Johntext.de - eine Literaturseite belebt das Highlandermotto ...
Ob Worte zerstören oder Gutes bewirken, liegt in der Hand es Autors Jeder Autor liebt es, sich dem Spiel der Worte hinzugeben, komplexe Streitfragen in bewegende Schriften zu fassen, um eine breite Öffentlichkeit zu interessieren oder philosophische Denkspiele in Form von spannenden Notizen mit a
Winnetou Iübertrifft alle Erwartungen ...
Lennestadt-Elspe. Mit 209.100 Besuchern bei den Karl-May-Festspielen in Elspe konnten die Veranstalter vom Elspe Festival mehr als zufrieden sein. Das ist ein Plus im Vergleich zum Vorjahr von rund 25 Prozent. Mit der besonderen Inszenierung von Winnetou I wurde das beste Ergebnis seit 1994 eingefah




