Mitteldeutsche Zeitung: Fernost
Wirtschaftswissenschaftler Blum sieht große Probleme beim Vereinigungsprozess der beiden Koreas
ID: 780607
Halle-Wittenberg sieht den Vereinigungsprozess in Korea vor größeren
Problemen, als es bei den beiden deutschen Staaten der Fall war. So
hätten die neuen Länder zur Wiedervereinigung etwa 20 Prozent der
Wirtschaftskraft der Bundesrepublik, so Blum in der in Halle
erscheinenden Mitteldeutschen Zeitung (Dienstag-Ausgabe). Nordkorea
besitze aber nur fünf Prozent der Leistung Südkoreas. Nach
Auffassung des Forschers müsse Nordkoreas Wirtschaftskraft pro Kopf
zügig auf 60 Prozent des südkoreanischen Niveaus gebracht werden, um
eine massenhafte Abwanderung aus dem Norden in den Süden zu
verhindern. "In Ostdeutschland mussten 40 Prozent der
Wirtschaftskraft durch Investitionen ergänzt werden, um ein
60-Prozent-Niveau zu erreichen", erklärt der Wissenschaftler.
Südkorea müsste 55 Prozent ergänzen. Auf Basis der Zahlen bedeute
dies für Südkorea Transferzahlungen von 265 Milliarden US-Dollar
pro Jahr. In Deutschland waren es 166 Milliarden US-Dollar.
Blum betreibt seit 20 Jahren erst an der TU Dresden und dann
jahrelang als Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle
die sogenannte Transformationsforschung - von der Plan- zur
Marktwirtschaft. Er nahm erst kürzlich an einer Konferenz in der
Hauptstadt Seoul teil, um beratend zur Seite zu stehen. Er verweist
nicht nur auf ökonomische, sondern auch soziale Herausforderungen:
"Viele Nordkoreaner seien durch Lagerhaft traumatisiert." Diesen
Menschen müsse, auch wenn ihre Arbeitskraft eingeschränkt ist, eine
wirtschaftliche Perspektive gegeben werden.
Allerdings kann Südkorea aus Sicht von Blum von den Erfahrungen
der deutschen Vereinigung lernen. So habe die schnelle Einführung der
D-Mark in den neuen Ländern dazu geführt, dass ostdeutsche Betriebe
über Nacht ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren haben. Die Währung sei
zu stark für sie gewesen. Ökonomisch gesehen, sei es einfacher, eine
Wirtschaft mit einer schwachen Währung umzustrukturieren. Die
deutsche Einheit lehrt auch, dass durch vereinigungsbedingte große
Immobilien- und Infrastruktur-Projekte sehr schnell steigende Löhne
in der Bauwirtschaft auf die restlichen Industrien überschwappen.
Dies setze diese zusätzlich unter Druck. Als wichtige Aufgabe sieht
Blum die Sicherung von Fachkräften an: "Viele Ingenieure und
Fachkräfte im Norden arbeiten im Rüstungssektor." So sei dort etwa
die Materialwissenschaft angesiedelt. Nach dem Zusammenbruch müssten
diese "Wissenszentren" erhalten bleiben. "Sind die Spezialisten erst
einmal abgewandert, wird es schwer, neue Industrien anzusiedeln."
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Mitteldeutsche Zeitung
Hartmut Augustin
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Datum: 11.12.2012 - 02:00 Uhr
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