Westdeutsche Zeitung: Die Pflegezeit braucht eine verlässliche, verbindliche Regelung =
Von Lothar Leuschen
ID: 789333
Deutschland auf eine soziale Katastrophe zu. Auslöser ist der
demografische Wandel. Und alle, die bisher nach Auswegen suchten,
sind gescheitert. Zuletzt musste Familienministerin Kristina Schröder
erfahren, dass gut gemeint nicht gut gemacht ist. Ihre
Pflegezeit-Idee ist von der Realität schlicht ignoriert worden. Dabei
ist Schröders Grundgedanke richtig. Die Zahl der Pflegebedürftigen
steigt rapide. Die Kosten für die Pflege auch. Da könnte Hilfe zur
Selbsthilfe wahre Wunder bewirken. Doch dem Plan Schröders, dass
Angehörige von Pflegebedürftigen bei ihren Arbeitgebern quasi einen
Arbeitszeitkredit aufnehmen, haften zu viele Mängel an. Der größte
Malus ist sicher, dass Schröder ihren Vorschlag nicht
rechtsverbindlich gemacht hat. Auf etwas so Vages lassen sich
Arbeitnehmer und Arbeitgeber aus guten Gründen nicht gern ein. Das
Argument der Arbeitgeberverbände zieht aber auch nicht. Wenn es so
einfach wäre, Pflegezeiten frei zu vereinbaren, gäbe es die
Diskussion nicht.
Es gibt sie aber. Und sie wird mit jedem Tag notwendiger. Derzeit
leben in Deutschland 1,6 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt
sind. Ihre Zahl wird steigen, weil das Durchschnittsalter der
Gesellschaft steigt und Demenz eine Krankheit ist, die alte Menschen
befällt. Hinzu kommen jene, die wegen anderer Gebrechen ans Bett
gefesselt und auf fremde Hilfe angewiesen sind. Dieser Bedarf ist mit
Kosten in mehrstelliger Milliardenhöhe verbunden. Die aktuelle
gesetzliche Pflegeversicherung wird nicht ausreichen, die Kosten zu
decken. Höhere Beiträge schaden dem Arbeitsmarkt. Also muss die
Pflege zusätzlich auch auf private, familiäre Säulen gestellt werden.
Deswegen ist Schröders Ansatz im Grunde richtig. Aber er braucht
einen verlässlichen Rahmen, in dem sich Partner auf Augenhöhe
begegnen. Und er muss auch die Fälle berücksichtigen, in denen die
Reduktion von Arbeitszeit aus technischen oder finanziellen Gründen
gar nicht möglich ist.
Die Qualität einer Gesellschaft bemisst sich nicht zuletzt auch
daran, wie sie ihre Alten behandelt. Der Blick in manche
Seniorenheime, Krankenhäuser und Wohnungen zeigt, dass Deutschland in
dieser Frage noch viel nachzuarbeiten hat. Und die Aufgabe wird jeden
Tag größer.
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Datum: 28.12.2012 - 19:02 Uhr
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