BERLINER MORGENPOST: Gut gelaunt durchs Dauerfeuer
Leitartikel von Hajo Schumacher
ID: 799323
unberechenbares Wesen. Was haben sich Medien, Mobber und
Meinungsforscher abgemüht. Und dann kam alles anders. Wer hätte am
Wahlmorgen mit einer Auferstehung des politischen Untoten Philipp
Rösler gerechnet? Die Messerstecher in der FDP hatten sein Ende
beschlossen. Und nun? Fast zehn Prozent, mit denen er seinem alten
Freund McAllister womöglich ganz knapp den Ministerpräsidentenposten
rettet. Zu selbstgewiss war der Amtsinhaber in diese Wahl gezogen;
offenbar waren die Niedersachsen nicht ganz so überzeugt von ihrem
Regierungschef wie er von sich selbst. Gegenentwurf ist der leise
Stephan Weil, mit dem sich ein politischer Trend fortsetzt. Wie
Scholz, Albig, Sellering, Kretschmann, Kraft, Dreyer scheint der
Typus des soliden Erledigers zuzulegen.
Weils SPD hat trotz Stolper-Steinbrück knapp drei Prozent
hinzugewonnen, was ihm allerdings nicht genug sein dürfte. Vor
Antritt des Kanzlerkandidaten hatte es nach einem klaren rot-grünen
Sieg ausgesehen. Auch wenn der negative Effekt nicht so dramatisch
war wie befürchtet, gilt das eherne Gesetz: Mit Steinbrück gewinnt
man keine Wahlen. Da können die Grünen noch so viel dazugewinnen und
die Linke zugleich verlieren. Für Meuchelei allerdings dürfte das
gestrige Votum nicht reichen.
Der Held von Hannover bleibt Philipp Rösler. Weil es ihm gelang,
sein Volk zu mobilisieren. Die Niedersachsen sind sich ihrer Rolle
als bundesweiter Seismograf durchaus bewusst und zugleich ein
patriotischer Haufen. 1998 wählte das Bundesland keinen
Ministerpräsidenten, sondern einen Kandidaten. "Ein Niedersachse muss
Kanzler werden", hieß der Schlachtruf damals. An diesem Wochenende
lautete das Motto der niedersächsischen Liberalen, von denen man gar
nicht wusste, dass es überhaupt so viel gibt: "Wir lassen unseren
Philipp nicht niedermobben von den Niebels und Brüderles und
Kubickis." Dieses Wahlergebnis hatte weniger mit Landespolitik zu tun
als mit einem Aufschrei des Missfallens gegenüber fortgesetzter
Niedertracht. Galten die Überraschungserfolge der FDP in
Schleswig-Holstein und NRW noch als Verdienst der Exoten Kubicki und
Lindner, wurde in Niedersachsen vor allem der frühere
Wirtschaftsminister und Fraktionschef Rösler gewählt. Selten ist ein
Politiker im Dauerfeuer so zäh gut gelaunt geblieben wie Rösler; der
sich in den letzten Tagen wie ein Diesel durch die norddeutsche
Tiefebene gerackert hat. Der FDP-Erfolg birgt eine weitere Botschaft:
Die Liberalen bilden, trotz all ihrer unsinnigen Kabbeleien, den
einzigen Gegenpol zu den drei sozialdemokratisierten Parteien CDU,
SPD und Grüne. Und: Vielleicht ist gerade dieser Rösler mehr FDP als
der ganze schwatzende Rest zusammen.
Was lehrt Niedersachsen nun für die Bundestagswahl in acht
Monaten? Die CDU ist nicht so stark, wie sie sich fühlt. Die FDP ist
nicht so tot, wie sie aussieht. Und eine Fortsetzung von Schwarz-Gelb
in Berlin nicht mehr ganz so undenkbar. Rot-Grün wiederum hat nur
eine Chance, wenn der Bundestag aus den klassischen vier besteht.
Sicher ist nur eines: Es wird knapp.
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Datum: 20.01.2013 - 21:09 Uhr
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