DER STANDARD-Kommentar: "Gesellschaftliche Verpflichtung" von Michael Völker
ID: 921597
an diesen jungen Menschen bereits gescheitert: Wer sich seiner
Ausbildung entzogen hat, hat die Schulpflicht eine Pflicht sein
lassen, die ihm nichts abverlangt und die er selbst nicht ernst
genommen hat. Für die Betroffenen ist das, auch wenn sie es im
jugendlichen Gleichmut nicht erkennen wollen, ebenso eine Katastrophe
wie für die Gesellschaft. Das sind die Minderbeschäftigten, die
Arbeitslosen von morgen, die Ersten, die auf die Straße gesetzt
werden, die Letzten, die wieder einen Job finden. Das sind jene, die
nie genug Geld verdienen werden, die an sich selbst leiden werden, an
denen die Gesellschaft leiden wird, nicht nur in ökonomischer
Hinsicht. Es sind erschreckend viele junge Menschen, die die
vorgeschriebene Schulpflicht nur absitzen und oft nicht einmal einen
Abschluss haben - geschweige denn eine sinnvolle Ausbildung
absolvieren. Diese jungen Menschen, 7000 jedes Jahr, können oft nicht
richtig lesen, schreiben, rechnen, sie haben keine Allgemeinbildung.
Ihnen fehlt Bildung. Das heißt auch: In einer auf Leistung
ausgerichteten Gesellschaft werden sie scheitern. Müssen sie
scheitern. Nicht, dass Leistung alles ist und sich jeder diesem
Diktat unterwerfen muss - aber es sollte wenigstens im Ansatz im
Ermessensspielraum jedes Einzelnen liegen, ob und wie er an dieser
Leistungsgesellschaft teilnimmt. Wer gar nichts kann und weiß, hat
diesen Spielraum nicht, sein Scheitern ist vorgezeichnet. Ausnahmen,
wie der partielle Analphabet, der dreifacher Formel-1-Weltmeister
wurde, bestätigen diese Regel eher, als sie sie infrage stellen. Ob
es Sinn macht, eine Pflicht, die Schulpflicht, durch eine andere,
eine Bildungspflicht bis maximal 18 Jahre, zu ersetzen, muss
hinterfragt werden, gerade dann, wenn die Gefahr besteht, dass hier
nur Begriffe behübscht werden. Junge Menschen, die so radikal an der
Bildung scheitern, haben oft eine schwierige Geschichte, haben
psychische Probleme oder entstammen einem Milieu, das ihnen Chancen
nimmt statt gibt. Eine statistische Wahrheit: Die Hälfte von ihnen
hat Migrationshintergrund. Hat also auch sprachlich ein Defizit mit
auf den Weg bekommen, abgesehen von einer gewissen Gleichgültigkeit,
mit der ihnen die - österreichische - Gesellschaft gegenübersteht.
Aber: Die andere Hälfte hat keinen Migrationshintergrund. Dennoch
sind auch hier schwere sprachliche Defizite vorhanden. Da geht es
nicht nur um individuelles Versagen, an diesen jungen Menschen ist
das System gescheitert. Hier hat die Schule versagt. Da hat die
Gesellschaft eine Bringschuld, gerade auch dann, wenn die Eltern im
Einzelfall Schuld an der Misere tragen. Die betroffenen jungen
Menschen wird man nicht "verbessern" können, mit keiner Pflicht. Das
System muss verbessert werden, die Schule muss besser werden, sie
braucht mehr Kapazitäten und Ressourcen. Eine ganz entscheidende
Rolle kommt offenbar auch dem Kindergarten zu, der von der Politik -
jüngstes Beispiel ist die Ausbildungsreform für Pädagogen, die den
Kindergarten ausklammert - sträflich vernachlässigt wird. Nicht die
Jugendlichen gehören mit Sanktionen bedroht. Die Gesellschaft und
ihre Politik gehören in die Pflicht genommen: Es ist Aufgabe der
Bildungseinrichtungen, den Jugendlichen Wissen, Werte und ein Können
zu vermitteln - auch wenn und weil das nicht immer einfach sein mag.
Rückfragehinweis:
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Datum: 05.08.2013 - 18:58 Uhr
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"Die Politik muss ihrem Bildungsauftrag nachkommen - ohne Sanktionen"; Ausgabe vom 6.8.2013 Wien
Kategorie:
Innenpolitik
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