Allg. Zeitung Mainz: Abhängigkeiten / Kommentar zu USA/Russland
ID: 924493
Wahlkampfpolitik, nicht jedoch den Bundesbürger. Welche Seite da nun
überzieht oder die Sache unterschätzt, sei dahingestellt. Jedenfalls
sind die Fragen, ob Russland den Spionage-Enthüller Edward Snowden
hätschelt und wie sehr Washington sich darüber echauffiert, im Grunde
Peanuts. Putin freut sich diebisch über ein As, das ihm völlig
unversehens in die Hände gespielt wurde, und Obama schäumt
pflichtgemäß. Auch, dass der US-Präsident kürzlich ein Treffen mit
dem russischen Machthaber absagte, ist ein kleiner Warnschuss, nicht
weniger, aber auch nicht mehr. Russland und die USA wissen, dass sie
in vielen Feldern aufeinander angewiesen sind, etwa bei den Themen
Syrien und Afghanistan, beim Atomstreit mit Nordkorea und dem Iran.
Keine der beiden Seiten möchte das laut sagen, Moskau schon gar
nicht, denn es besitzt nicht mehr den Status einer Weltmacht.
Russland ist der bemerkenswerte Fall eines Landes, in dem sich eine
winzige Bevölkerungsschicht durch den Bankrott des Kommunismus
unermessliche Reichtümer angeeignet hat, während die
Durchschnittsbürger weiterhin darben. Bürgerrechte und Demokratie im
eigentlichen Sinn gibt es auch nicht. Ob sich das in diesem
Jahrhundert noch grundlegend ändern wird, steht dahin. Die USA gelten
immer noch als reiches Land, müssen aber die Insolvenz einer einst
blühenden Stadt wie Detroit zur Kenntnis nehmen. Die Welt wurde mit
dem Ende des Kalten Krieges ein kleines Stück ungefährlicher, aber
nicht unkomplizierter. Die große Unbekannte, ökonomisch und
geostrategisch, bleibt China. Womöglich sind die USA und Russland
schon längst - gezwungenermaßen - Verbündete. Zugeben würden sie das
natürlich nie.
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Florian Giezewski
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Datum: 09.08.2013 - 19:00 Uhr
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