Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zum Bericht des Weltklimarats: "Das Billionen-Ökolopoly" von Stefan Stark
ID: 952461
Klimaforschern: Der Report, den der Weltklimarat heute in Stockholm
präsentiert, entscheidet über die Verteilung von viel Geld. Denn er
bildet eine zentrale Grundlage für zahlreiche Regierungen bei ihrer
Umwelt- und Energiepolitik. Er dient Politikern etwa als wichtige
Argumentationshilfe, ob sie am alten Energiemix festhalten - oder ob
sie stärker auf erneuerbare Energien setzen. Genau deshalb ist das
Papier ein rotes Tuch in den Augen mächtiger Industrie-Lobbyisten.
Beim Klimareport geht es letztlich nicht nur um die Frage, ob und in
welchem Zeitraum wir ganze Landstriche und Meeresregionen auf unserem
Planeten in unwirtliche Gegenden verwandeln. Auf dem Spiel stehen die
Billionen-Interessen von Ölmultis, Stromkonzernen und
energieintensiven Unternehmen. Gleichzeitig geht es um das Wohl und
Wehe von Ökoenergie-Anbietern. Das erklärt, warum der neue
Klimareport bereits im Vorfeld für heiße Diskussionen sorgte. Es gab
in den vergangenen Jahren immer wieder Versuche, die mehr als 800
beteiligten Wissenschaftler als einen Club selbstverliebter Narren zu
diskreditieren, die sich mit Weltuntergangsszenarien ins Rampenlicht
drängen wollten. Es wurden Gegenstudien in Auftrag gegeben, mit denen
die Seriosität der Prognosen des Klimarats angezweifelt wird. Genauso
wird politischer Druck ausgeübt, um einzelne Formulierungen aus dem
Bericht zu entschärfen. So wurde hinter den Kulissen um die Passage
gerungen, ob die Erderwärmung eine "Pause" macht, oder ob sich der
Temperaturanstieg "verlangsamt" habe. Vermeintliche Details wie diese
entscheiden jedoch darüber, wie die Öffentlichkeit den Klimareport
interpretiert. Wenn auf einmal von einer Pause bei der Erderwärmung
die Rede ist, heißt es schnell: Es ist ja alles gar nicht so schlimm.
Lasst uns getrost weiter Erdöl und Kohle verbrennen und mit immer
größeren Kollateralschäden den letzten Tropfen Öl aus dem Boden
pressen. Dass es keinen Grund zur Entwarnung gibt, zeigen die
Informationen, die vorab aus dem Bericht bekanntwurden. Die
wichtigsten Botschaften lauten: Die Erde wird sich weiter erwärmen,
auch wenn sich dieser Prozess verlangsamt hat. Er kann sich jedoch
jederzeit wieder beschleunigen. Außerdem lässt der Klimareport keinen
Zweifel daran, dass der Temperaturanstieg vom Menschen gemacht ist,
weil wir immer mehr Treibhausgase in die Atmosphäre pusten. Die
Reaktionen führender Industrienationen auf den Klimawandel sind
äußerst widersprüchlich. Die USA - in der Vergangenheit immer größter
Bremser eines Klimaschutzabkommens - wollen plötzlich den CO2-Ausstoß
neuer Kohlekraftwerke drastisch begrenzen. Man könnte meinen, die
vielen verheerenden Naturkatastrophen, die Amerika in den vergangenen
Jahren heimsuchten, hätten zu einem Umdenken geführt. Gleichzeitig
treibt Präsident Barack Obama die umstrittene Fracking-Technologie
voran, um neue Ölvorkommen zu erschließen. Das ist eine zwiespältige
Klimapolitik nach dem Motto: Ja, aber. Deutschland wiederum hat sich
offiziell nach wie vor der Energiewende verschrieben. Doch anstatt
weiter auf erneuerbare Energien zu setzen, erleben plötzlich
Braunkohlekraftwerke eine Renaissance - die größten
Treibhausgasschleudern überhaupt. Damit konterkarierte die
schwarz-gelbe Bundesregierung die eigenen CO2-Ziele. Angela Merkel
sollte den Klimareport zum Anlass nehmen, über ihre einstige Rolle
als Klimakanzlerin nachzudenken. Es ist erst wenige Jahre her, dass
sie mit ihrem damaligen Umweltminister und dem heutigen SPD-Chef
Sigmar Gabriel öffentlichkeitswirksam vor Eisbergen in der Arktis
schipperte. Jetzt hätte Merkel die Chance, den Eindruck zu
korrigieren, diese Inszenierung wäre eine einzige Farce gewesen:
Indem sie endlich ein schlüssiges Konzept für eine Energiewende
vorlegt, die diesen Namen verdient.
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Datum: 26.09.2013 - 22:04 Uhr
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