Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR
Sozialhilfe für Rentner
Kapitulation
WOLFGANG MULKE, BERLIN
ID: 966986
insgesamt so gut wie keiner vorherigen und keiner, die noch
nachkommen wird. Vielleicht verschließen weite Teile der Gesellschaft
deshalb die Augen vor einer schleichenden Entwicklung hin zu einer
Verarmung künftiger Rentnergenerationen. Es wird beschwichtigt, auf
fehlende Daten zur tatsächlichen Versorgungslage oder die
Schwierigkeit langfristiger Prognosen verwiesen, um diese Ignoranz zu
begründen. Tatsächlich ist es die Kapitulation vor einem
Riesenproblem. Ein Blick auf die Fakten lässt nichts Gutes erahnen.
Millionen Menschen arbeiten für sehr wenig Geld. Sie zahlen geringe
Beiträge in die Rentenkassen ein und können kaum zusätzlich privat
vorsorgen. Es liegt auf der Hand, dass viele der Geringverdiener oder
Teilzeitkräfte später mit geringen Alterseinkünften auskommen müssen.
Noch wird auf den vergleichsweise geringen Anteil an Rentnern
verwiesen, die heute auf die Grundsicherung angewiesen sind. Doch
erstens steigt dieser Anteil spürbar an. Angesichts von rund 20
Millionen Rentnern insgesamt mag der Anteil der Armen gering sein.
Allerdings hat er sich seit Einführung der Grundsicherung vor neun
Jahren bereits um 80 Prozent erhöht. Zweitens sind knapp 700 Euro
kaum eine realistische Armutsgrenze. Würde man bei Alleinstehenden
zum Beispiel 1.200 Euro als Grenzwert annehmen, käme eine ganz andere
Wahrheit ans Licht. Die bisherigen Vorschläge gegen Altersarmut haben
einen gewaltigen Nachteil. Entweder lässt sich mit den dort genannten
Summen nur der geringste Lebensbedarf decken, oder es ist nicht mehr
zu finanzieren. Dieser Konflikt muss irgendwann diskutiert werden.
Die Koalitionsverhandlungen wären ein Anlass, endlich einen Einstieg
in die notwendigen Reformen zu beschließen.
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Datum: 22.10.2013 - 20:30 Uhr
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