BERLINER MORGENPOST: Futter für die Landespolitik/ Ein Leitartikel von Andreas Abel
ID: 1026456
Hinsicht kein Gemeinwesen mit Nuancen, vielmehr ein Flickenteppich
mit gewaltigen, schroffen Unterschieden. In dieser Massierung sind
sie nirgendwo in Deutschland größer. Zwischen der Thielallee oder dem
Messelpark in Dahlem und dem Moritz- oder dem Wassertorplatz in
Kreuzberg liegen Welten. Die Differenzen in der Sozialstruktur sind
so groß, dass man kaum noch von vergleichbaren Lebensräumen sprechen
kann. Ist das tatsächlich dieselbe Stadt?
Das mag auf den ersten Blick wenig überraschen. Befasst man sich
aber intensiver mit dem neuen Berliner Sozialstrukturatlas,
offenbaren sich viele Details, die neu und aufschlussreich sind.
Wichtig sind sie allemal. Diese Fleißarbeit aus dem Hause des
Gesundheits- und Sozialsenators Mario Czaja ist keine
wissenschaftliche Spielerei. Sie lenkt ausdrücklich den Blick auf
Aufgaben der Politik und Verwaltung, versteht sich als
"handlungsorientiert". Das ist ein richtiger Ansatz. Versorgung in
der Pflege, Verteilung der Arztpraxen, Gesundheitsvorsorge: all das
muss wohnortnah sein, damit es funktioniert. Und es muss
bedarfsgerecht sein, damit es bezahlbar bleibt. Ähnliches gilt für
die Planung von Kitas und Schulen und natürlich auch von Wohnungen.
Der Atlas sollte also nicht nur Grundlage in Czajas Verwaltung
selbst, sondern tunlichst überall im Senat sein.
Die Daten- und Analysesammlung erfüllt aber noch einen weiteren
Zweck: Sie zeigt im Längsschnitt der vergangenen zehn Jahre, also im
Vergleich mit den Daten der Berichte von 2003 und 2008, ganz präzise
und detailreich, wie Berlin sich verändert hat. Und wo. Zum Guten wie
zum Schlechten. Die Bezirke Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg haben
sich in dieser Zeit sozial ungemein verbessert und im Ranking nach
vorne geschoben. Das ist das Ergebnis der Gentrifizierung - mit all
ihren Verwerfungen und kritikwürdigen Veränderungen. Das Auf und Ab
der Bezirke ist kaum durch die Politik des Senats gesteuert worden,
hier wirkten andere Faktoren stärker. Dennoch wäre es falsch, daraus
eine Lizenz zum Nichtstun abzuleiten. Politik muss diese
Veränderungen beobachten und auch eingreifen: Ungleichgewichte
abbauen, Tendenzen erkennen und in der Planung berücksichtigen. Das
hat nichts mit Dirigismus zu tun, viel mehr mit einer Stadt der
Vielfalt, die eben nicht zur Stadt der sozialen Rivalitäten werden
soll.
Der Kommentar im Internet: www.morgenpost.de/125313385
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Datum: 28.02.2014 - 19:55 Uhr
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