Allg. Zeitung Mainz: Das Opfer - Kommentar zu Ostern
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stirbt, stirbt vor uns. Wir überleben unser Kind. Etwas
Furchtbareres kann man sich nicht vorstellen. Am Karfreitag haben wir
obendrein noch eines Menschen gedacht, der von seinem Vater als Opfer
hergegeben worden ist. Nach menschlichem Ermessen nicht möglich.
Übermenschlich also. Kaum vorstellbar; es sei denn, dieser Tod ergibt
einen Sinn und wird mit einer Art Wiedergeburt oder
Wiederauferstehung für unwirksam erklärt. Solche Geschichten aus der
christlichen Lehre sind selbst für Christen nicht immer
nachvollziehbar. Dabei steckt dahinter etwas typisch Menschliches.
Wir sind soziale Wesen, also aufeinander angewiesen. Je enger es
wird, je schwieriger sich eine Lage gestaltet, umso mehr sind wir
darauf angewiesen, dass sich andere opfern. Das reicht von Akten der
Solidarität und des Verzichts bis hin zu Märtyrertoden. Letztlich
bedeutet es, dass auch wir Menschen Teil einer Umgebung sind, die nur
fortbestehen kann, wenn es diesen steten Wechsel aus Vergehen und
Werden gibt. Ostern ist im Lauf der Jahrtausende zu dem Fest
herangewachsen, bei dem wir innerhalb weniger Tage sozusagen im
Schnelldurchlauf erfahren, was dieses Wechselbad der Gefühle in einem
anrichten kann. Eben noch trauert die Gemeinde um einen Verstorbenen,
der wenige Stunden später durch seinen Tod einen Neuanfang angestoßen
hat. Die drastische Form, in der in der Bibel vom Sohnesopfer erzählt
wird, lädt heute viele dazu ein, diese Geschichte als Horrormärchen
abzutun. Dabei kommen wir gar nicht umhin, selbst Opfer zu bringen.
Das Fasten, das an diesem Wochenende ein Ende findet, gehört dazu.
Gemeint ist der bewusste Verzicht auf liebe Gewohnheiten. Vermutlich
ist einer Mehrheit der Vereinigung "Sieben Wochen ohne..." gar nicht
mehr bewusst, dass es nicht nur um eine neue Variante des "Friss die
Hälfte" ging, damit die Badehose oder der Bikini wieder passen,
sondern um eine besondere Übung. Sich in vielerlei Beziehung
zurücknehmen bedeutet nämlich, bereit zu sein, einem anderen etwas
überlassen zu können, Platz zu machen, wenn es darauf ankommt. In
Wirklichkeit ist es also eine Übung für den Ernstfall. Wie lange wird
es gutgehen, dass ein Teil der Menschheit so gut wie alles hat, und
der Rest zusieht? Wie lange geben uns noch haushohe Zäune,
Stacheldrahtverhaue und Internierungslager am Meer Bedenkzeit? Dieses
Fest soll kein Anlass sein zum Trübsal blasen, aber es sollte dabei
wenigstens einen Moment Zeit geben, sich über das Soziale im
Menschen und seine Opferbereitschaft Gedanken zu machen.
Pressekontakt:
Allgemeine Zeitung Mainz
Florian Giezewski
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Datum: 18.04.2014 - 20:28 Uhr
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