Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar
2015 - ein Jahr der Zukunftschancen
German Mut statt German Angst
THOMAS SEIM
ID: 1155916
10.000er-Marke beim Aktien-Index Dax. Die Arbeitslosigkeit sank auf
einen neuen Tiefstand. Die Neuverschuldung des Staates sank de facto
bereits auf fast null. Die Löhne stiegen um 2,6 Prozent, gleichzeitig
sank die Inflationsrate auf 0,8 Prozent. Die Reallöhne stiegen damit
so deutlich wie seit drei Jahren nicht mehr. Der Mindestlohn ist
eingeführt und akzeptiert. Kurz: Den Menschen in Deutschland geht es
gut. Allein: Die gute Lage und die guten Aussichten spiegeln sich
nicht im öffentlichen Bewusstsein des Landes. "Lieb Vaterland, magst
ruhig sein", möchte man Deutschland zum Jahresbeginn 2015 zurufen.
Leider verbergen sich hinter diesem Wohlfühltitel wahlweise der
deutsch-nationale, anti-europäische Chauvinismus des 19. Jahrhunderts
oder die modernisierungsskeptische Udo-Jürgens-Variante - Ehre seinem
Andenken - aus den 1970er Jahren. Vor allem der Rechtsradikalismus,
der sich in der Dresdner Pegida-Bewegung spiegelt und uns zum
Jahreswechsel leider mehr beschäftigen muss, ist im Grunde und der
Faktenlage nach illegitim und ein schmutzig-politisches Spiel mit der
Angst der Deutschen vor der Zukunft. "German Angst" nennen das unsere
Nachbarn, die sich je nach aktueller Lage entweder davor fürchten
oder sich darüber lustig machen. Natürlich ist es die Pflicht von
Politik und auch den Medien, auf Fehlentwicklungen hinzuweisen und
Korrekturen anzumahnen. Wenn sich die Schere zwischen Arm und Reich
immer weiter öffnet, wenn die Zahl der armutsgefährdeten Menschen in
Deutschland auf erschreckende zwölf Millionen ansteigt - dann gibt es
Handlungsbedarf. Es ist eine Schande für ein reiches Land, dass vor
allem alleinstehende Mütter von Armut bedroht sind. Da muss Politik
handeln. Aber es gibt keine rationale und auch keine legitime
Erklärung dafür, dass in Dresden bis zu 17.000 Demonstranten den
Parolen des verurteilten Mehrfach-Straftäters Lutz Bachmann
hinterherlaufen. Ein Scharlatan, der selbst vor einer Gefängnisstrafe
ins Ausland floh und dort als Flüchtling aufgenommen wurde. Dagegen
steht der Mut zur Zukunft der großen Mehrheit der Deutschen, die sich
diesen Staat nicht noch einmal von Rechtsradikalen zerstören lassen
will. Dieser Mut ist begründet. Es ist sehr beruhigend und
erfreulich, dass es Reaktionen wie die des Kölner Erzbistums gibt,
das den örtlichen Pegida-Demonstranten das Licht des Doms am 5.
Januar abschalten wird. Von dieser Klarheit und Entschiedenheit
könnten wir mehr gebrauchen. Denn nach 2014 stehen wir auch 2015 vor
einem guten Jahr. 56 Prozent der Deutschen blicken voller Zuversicht
darauf. Das ist einer der Spitzenwerte seit der deutschen Einheit.
Die Wirtschaft wird vermutlich wieder stärker wachsen als bislang
befürchtet. Die Haushalts-einnahmen werden steigen. Die Preise werden
weniger steigen als 2014. Die Zahl der Erwerbstätigen wird einen
neuen Rekord erreichen. Übrigens: Dies geschieht auch dank der
starken Einwanderung. Das sind gute Grundlagen, auf die wir
Zuversicht für das neue Jahr gründen können. Selbstverständlich wird
2015 die Kraft und die Anstrengung aller Mutigen fordern. Auch unsere
Politiker werden einigen Mut aufbringen müssen, um die Bedrohungen
aus der Ukraine-Krise, dem Krieg gegen die Terror-Organisation
Islamischer Staat, der sich zuspitzenden Lage im Nahen Osten und der
Ausbreitung der tödlichen Ebola-Seuche zu beherrschen. Aber es gibt
alle Chancen, die Dinge ins Bessere zu wenden. Dafür braucht es
"German Mut" statt "German Angst". Die Pegida-Demonstranten von
Dresden - und nicht nur von dort - haben diesen Mut nicht.
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Datum: 30.12.2014 - 20:30 Uhr
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