Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zu Griechenland/Euro: Weichwährung Euro von Stefan Stark
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der Wahrheit für die Eurozone. Griechenland wählt - und aller
Voraussicht nach wird das Linksbündnis von Alexis Tsipras einen
haushohen Sieg einfahren. Um es gleich vorweg zu sagen: Das Abendland
wird deshalb nicht untergehen. Und auch für den Euro wird der Triumph
der Partei Syriza nicht den Todesstoß bedeuten. Tsipras verdankt
seine hohe Popularität in Griechenland seiner berechtigten Kritik am
rigiden Sparkurs, den die EU-Troika dem Land verordnete. Große Teile
der Bevölkerung sind dadurch verarmt, das Renten- und
Gesundheitssystem sind ruiniert, die Massenarbeitslosigkeit bei den
jungen Leuten raubt einer ganzen Generation jede Perspektive.
Gleichzeitig stöhnt die Nation unter einem Schuldenberg, den sie
schlimmstenfalls niemals abtragen kann. Die Griechen zahlen auf einen
Schlag die Zeche für die Verschwendungs- und Schuldenpolitik der
alten Machtkaste. Doch je näher die Wahl rückt, umso mehr scheint es
auch Tsipras zu dämmern, dass er mit Maximalforderungen in puncto
Schuldenerlass und Rücknahme von Reformen bei seinen EU-Kollegen
nicht durchkommt. Darauf deuten zumindest seine jüngsten
Gesprächsangebote an die anderen Euroländer hin. Griechenland hängt
auf Gedeih und Verderb am Tropf des Rettungspakets. Sollte die
Eurozone diesen Pakt aufkündigen - und genau dies könnte drohen,
falls Athen seinen Verpflichtungen plötzlich nicht mehr nachkäme -
wäre das Land bankrott. Es könnte seinen Schuldendienst nicht mehr
bedienen und müsste vermutlich freiwillig den Grexit ansteuern - den
Austritt aus dem Euro mit der Rückkehr zur Drachme. Mit
katastrophalen Folgen: Der Staat könnte sich dann auf den
Kapitalmärkten nur noch über horrende Zinsen finanzieren und müsste
noch mehr an der Sparschraube drehen. Gleichzeitig würde die Drachme
dramatisch abwerten. Die Schulden, die noch in Euro liefen, könnte
Athen nicht mehr bedienen. Dann müssten die anderen Eurostaaten die
vielen Hilfsmilliarden komplett abschreiben - mit teuren Folgen auch
für die deutschen Steuerzahler. Die Bundesrepublik haftet mit einer
hohen zweistelligen Milliardensumme für die Schulden Griechenlands.
Niemand kann sich ernsthaft wünschen, dass sich eines dieser
Extremszenarien erfüllt - weder in Berlin, Brüssel oder Paris - noch
in Athen. Vielmehr werden die Regierungen der Euroländer einen
Kompromiss suchen, mit dem alle ihr Gesicht wahren können. Die
goldene Brücke könnte so aussehen: Die Eurozone gewährt Griechenland
ein Zugeständnis etwa in Form eines Teil-Schuldenschnitts -
andererseits rückt die künftige Linksregierung von Tsipras nicht
grundsätzliches von der Reformpolitik ab. Die größte Gefahr für den
Euro lauert ohnehin nicht in Griechenland. Sie wartet in der
Europäischen Zentralbank, wo EZB-Chef Mario Draghi die ganz große
Gelddruckmaschine anwerfen will. Mit Konsequenzen, die alle
Griechenland-Horrorszenarien weit in den Schatten stellen. Indem
Draghi die Finanzmärkte immer mehr mit billigem Geld überflutet,
enteignet er die europäischen Sparer auf eiskaltem Weg. Gleichzeitig
ermutigt er die Euro-Schwergewichte Frankreich und Italien, sich auch
künftig Reformen zu verweigern und ihren Schuldenkurs munter
fortzusetzen. Die EZB macht den Euro zunehmend zur Weichwährung - und
das Schweigen der Kanzlerin kann Draghi nur als stille Zustimmung für
seinen Kurs interpretieren. Eine schwache Währung mag ein
Wettbewerbsvorteil für Exportunternehmen sein. Doch genauso verteuert
sie Rohstoff- und Energieimporte. Das betrifft letztlich alle Firmen
und alle Verbraucher - in Form von künftigen Inflationsraten, wie wir
sie schon länger nicht mehr erlebt haben. Für die Eurozone schlägt
die Stunde der Wahrheit - aber nicht in Athen, sondern in den
EZB-Türmen in Frankfurt.
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Datum: 20.01.2015 - 20:00 Uhr
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