Mittelbayerische Zeitung: Kommentar von Julius Müller-Meiningen zu Flüchtlinge Lampedusa
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der Küste der italienischen Mittelmeer-Insel Lampedusa ertranken, war
die Empörung überall groß. Die EU, so lautete damals die weit
verbreitete Sicht, mache sich am hundertfachen Tod derjenigen
Menschen schuldig, die ein besseres Leben in Europa suchen und bei
ihrer Flucht über das Mittelmeer sterben. Dass das Problem der
hundertfachen Tode nicht in Kürze gelöst werden konnte, war bereits
damals klar. Die Hoffnung bestand allerdings darin, dass die
EU-Länder Maßnahmen ergreifen würden, den massenhaften Tod zu
unterbinden. Italien, das von allen Ländern der Gemeinschaft das
Flüchtlingsproblem am Unmittelbarsten spürt und übrigens auch für die
Bestattung der Leichen zuständig ist, startete damals mit der
Operation Mare Nostrum eine humanitäre Initiative. Militärschiffe
patrouillierten in der Nähe der libyschen Grenze und nahmen die
Schiffbrüchigen auf. Aus humanitären Aspekten war die Operation ein
Erfolg. Italien fühlte sich aber alleingelassen und kündigte Mare
Nostrum im vergangenen Oktober auf. Seither agiert die
EU-Grenzschutzagentur Frontex mit ihrem wesentlich defensiveren
Mandat Triton. Den Flüchtlingen kommen die Retter seither nur noch
bei Seenotrufen entgegen. Dass es Hunderte weitere Tote im Mittelmeer
geben würde, ist deshalb die zynische und kaum überraschende Quittung
für Europas Passivität. Wer selbstgerecht darauf hinweist, es seien
ja die Flüchtlinge, die sich für die waghalsige Flucht entscheiden,
der sollte einmal für 24 Stunden in der Haut dieser Menschen stecken
oder den Friedhof der Namenlosen auf Lampedusa besuchen. Die EU muss
sich entscheiden: Sieht sie dem Sterben an ihren Grenzen weiterhin
beinahe tatenlos zu und hofft darauf, dass die Flüchtlinge durch die
schlechten Nachrichten abgeschreckt werden? Oder unternimmt sie alles
in ihrer Macht stehende, um das Massensterben einzudämmen, ohne dabei
ihre Grenzen de facto zu öffnen? Die Flüchtlinge werden weiter
kommen. Realistisch und notwendig ist deshalb nur die zweite Option.
Angesichts der immer unübersichtlicher und größer werdenden Krisen in
Afrika und im Nahen Osten handelt es sich dabei allerdings auch um
eine Aufgabe, die wohl nur mangelhaft gelöst werden kann.
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Datum: 11.02.2015 - 19:54 Uhr
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