Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zur Bayern-SPD: Eine Watschn, die lange nachhallt von Christine Schröpf
ID: 1231091
Parteichef, den die bayerische SPD nötig hätte? Nein. Hat er die
Kraft, die Genossen im Freistaat aus dem 20-Prozent-Keller zu führen?
Wohl kaum. Doch für die SPD ist er der Beste, den sie zu bieten hat -
schlicht und einfach deshalb, weil sich kein anderer ernsthafter
Kandidat zur Verfügung stellt. Pronold wurde auch deshalb
wiedergewählt, weil niemand sonst den Karen ziehen will. Der urige
Walter Adam war - bei aller Wertschätzung für Mut und Originalität -
keine echte Alternative und wollte das auch selbst so verstanden
wissen. Seine Kandidatur war als Weckruf gedacht. Er wollte
bloßlegen, was bei der SPD im Argen liegt. Hinter der Kritik an der
Parteispitze, die sich in einem miserablen Wahlergebnis für Pronold
entladen hat, verbergen sich aber weit tiefere Probleme. Es geht um
einen erbitterten Richtungsstreit. Pronold steht für die
Pragmatischen in der SPD, die die Nase von der zermürbenden
Oppositionsarbeit in Bayern so gestrichen voll haben, dass sie 2018
als Koalitionspartner für die CSU zur Verfügung stünden. Sie wollen
endlich mitgestalten können. Eine vernünftige Position, wenn auch zur
Unzeit formuliert. Wer weiß, ob die CSU die SPD nach der Landtagswahl
überhaupt nötig hat? Die Gegenströmung in der SPD pocht idealistisch
auf die reine Lehre - auch wegen der kräftigen Bauchschmerzen, die
ihnen die Berliner Koalition bereitet, die Zugeständnisse bei der
Vorratsdatenspeicherung oder beim umstrittenen Freihandelsabkommen
TTIP abnötigt. Die Hoffnung: Eine SPD, die kompromisslos an ihren
Werten festhält, ist für die Wähler am Ende so unwiderstehlich schön,
dass sie die CSU zum Teufel jagt und endlich die SPD zur stärksten
Kraft macht. Verdrängt wird dabei allerdings, dass dieses Modell
schon in den vergangenen Jahrzehnten in keinster Weise funktioniert
hat. Adams 31,7 Prozent offenbaren das Frustpotenzial in der
bayerischen Partei. Das SPD-Urgestein aus Abensberg musste dafür
keine ausgefeilten Konzepte vorlegen, sondern nur sein
sozialdemokratisches Herz in die Waagschale werfen und Ressentiments
gegen Koalitionen mit der Union in Berlin und der CSU in Bayern eine
Stimme geben. Es ist paradox: Die CSU, die sich dieser Tage von
Stromtrassen bis Länderfinanzausgleich verdammt schwer tut, in Berlin
eigene Forderungen durchzusetzen, hält die Reihen geschlossen. Die
SPD, die von Mindestlohn bis Mietpreisbremse einiges durchgesetzt
hat, zweifelt am Nutzen von Regierungsämtern, weil man dort auch
immer wieder zu unliebsamen Kompromissen gezwungen ist. Teil des
genetischen Codes der Sozialdemokraten ist offensichtlich der Hang
zur Unzufriedenheit. Statt sich über ein halbvolles Glas zu freuen,
streitet man über ein halbleeres. Das kann selbstzerstörend sein - im
besten Fall kann es die SPD aber auch voran bringen: wenn der
Denkzettel für Pronold von der Parteispitze tatsächlich als Weckruf
begriffen wird. Die Lehren aus Hirschaid: Ein Parteichef mit derart
schlechtem Ergebnis taugt 2018 in Bayern nicht als Spitzenkandidat.
Es muss eine Alternative gefunden werden. Wenn sich alle weiter
wegducken, ist die Niederlage vorprogrammiert. Es muss sich zudem am
Ton und Stil in der SPD etwas verändern. Wer Koalitionen mit der CSU
in die Diskussion bringt, muss es der Basis besser erklären und
intensiv dafür werben. Die SPD entschuldigt ihre Malaise gerne damit,
dass das Machtgen in den eigenen Reihen nicht so unschön ausgeprägt
ist wie bei der CSU. Sauber. Dann wäre es also ein Zeichen von
starkem Charakter, 2018 - sofern sich die Chance überhaupt bietet -
nicht erst einmal nach einem Zipfel der Macht zu greifen, um die
eigenen Konzepte umzusetzen. Tatsächlich aber ist es notorische
Zaghaftigkeit und das fehlende Vertrauen in sich selbst. Als
Koalitionspartner der CSU muss man nicht automatisch untergehen. Die
SPD könnte auch den Beweis liefern, dass sie es wirklich besser kann.
Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de
Themen in dieser Pressemitteilung:
Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 28.06.2015 - 21:52 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 1231091
Anzahl Zeichen: 4453
Kontakt-Informationen:
Stadt:
Regensburg
Kategorie:
Politik & Gesellschaft
Diese Pressemitteilung wurde bisher 288 mal aufgerufen.
Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zur Bayern-SPD: Eine Watschn, die lange nachhallt von Christine Schröpf"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von
Mittelbayerische Zeitung (Nachricht senden)
Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).
Zukunft geMAInsam gestalten, so hatten die DGB-Gewerkschaften den gestrigen Tag der Arbeit, nun ja nicht besonders originell, überschrieben. Das fade Motto täuscht freilich nicht darüber hinweg, dass die Gewerkschaften hierzulande vor riesigen Herausforderungen stehen. Nach zweieinhalb Jahren C
Als Ministerin untragbar Anne Spiegel hat mit ihrem Verhalten nach der Flutkatastrophe an der Ahr ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Notfalls muss der Kanzler sie rauswerfen. Von Reinhard Zweigler ...
Was waren die Beileidsbekundungen der heutigen Bundesfamilienministerin Anne Spiegel von den Grünen eigentlich wert, die den Hochwasseropfern an der Ahr Betroffenheit bekundete? Ihr sei das Herz schwer und die Trauer lasse sie nicht los, sagte sie zu Beginn der Katastrophe. Doch kurz darauf packt
Die Impfpflicht macht Sinn / Gerade weil viele in der gefährdeten Generation Ü60 noch keine Impfung haben, könnte gesetzlicher Druck Unentschlossene zu dem Pieks bewegen. / Von Reinhard Zweigler ...
Es ist schon seltsam, wie schnell das Drama des Ukraine-Krieges das Aufregerthema der vergangenen zwei Jahre in den Hintergrund gedrängt hat. Corona - war da noch was? Gefühlt ist die Pandemie doch schon vorbei, trotz hoher Infektionszahlen. Die in vielen Bundesländern vollzogenen Lockerungen,
Weitere Mitteilungen von Mittelbayerische Zeitung
Badische Neueste Nachrichten: Griechenland Kommentar von Tobias Roth ...
Ob das Land bis zum Referendum in sechs Tagen seinen Bankrott erklären muss, ist noch unklar. Die Banken bleiben in Griechenland vorerst geschlossen, es wird Kapitalverkehrskontrollen geben. Die Lage für die Menschen ist dramatisch. In dieser Ausnahmesituation sollen die Griechen darüber absti
Rheinische Post: Kommentar / Schutz vor Terror = Von Horst Thoren ...
Der IS-Terror erreicht Nordrhein-Westfalen. Ein Toter aus Korschenbroich ist identifiziert, ein zweites Opfer des Anschlags auf Touristen in Tunesien kommt möglicherweise ebenfalls vom Niederrhein. Der IS-Terror, bislang wahrgenommen als in erster Linie arabisches Problem, trifft damit das ausge
Rheinische Post: Kommentar / Lasst die Griechen für Europa wählen! = Von Michael Bröcker ...
Wenn man beim Spieltheoretiker Giannis Varoufakis noch einmal Anleihen für die Bewertung der Lage nehmen darf, befinden sich die EU-Institutionen und die Regierung in Athen derzeit im sogenannten Feiglingsspiel. Das kennt man aus einem James-Dean-Klassiker. Zwei Autos rasen auf einen Abgrund zu
Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar: Die Griechenland-Krise Sonderfall noch nicht beendet Knut Pries, Brüssel ...
Griechenland ist ein Sonderfall, das haben die Partner in der Eurozone während der quälenden Verhandlungen über Hilfe und Hilfebedingungen unermüdlich wiederholt. Die Botschaft galt dem Publikum zu Hause. Sie ist als Entschuldigung und als Beruhigung gedacht: Macht euch keine Sorgen, wenn es




