BERLINER MORGENPOST: Kein leichtes Schuljahr
Leitartikel von Gilbert Schomaker zum Beginn des neuen Schuljahres in Berlin
ID: 1254958
Hausaufgaben gemacht. Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) verkündete
am gestrigen Donnerstag stolz, dass alle offenen Lehrerstellen an
Berlins Schulen zum Schuljahresbeginn besetzt sein werden. 1500
Lehrer wurden neu eingestellt. Die Zahl scheint auf den ersten Blick
groß. Doch Berlins Schulen müssen viele Abgänge verkraften. Denn die
Pensionswelle im öffentlichen Dienst erreicht auch die
Bildungseinrichtungen. Da gleichzeitig die Zahl der Schüler durch
Zuzug wächst, ist es gut, dass es gelungen ist, so viele Pädagogen
für Berlin zu begeistern. Zur Wahrheit gehört ebenso, dass es
eigentlich nicht genug ausgebildete Lehrer für Berlins Schüler gibt.
Denn die Senatorin musste mehr als 300 sogenannte Quereinsteiger
einstellen. Also Akademiker, die keine pädagogische Ausbildung haben.
Sie werden zwar berufsbegleitend geschult, sind aber vom ersten Tag
an voll im Unterricht. Die Lage an vielen Schulen ist nicht leicht.
Es gibt Problemkieze mit Kindern, die aus schwierigen familiären
Verhältnissen kommen. Zudem bereiten sich die Schulen auf die
Einführung der Inklusion vor. Verhaltensauffällige Kinder oder Jungen
und Mädchen mit Behinderungen sollen demnächst auch an den
Regelschulen und nicht mehr separat unterrichtet werden. Beides sind
Aufgaben, die die Lehrer schon seit vielen Monaten, wenn nicht Jahren
beschäftigen. Nun kommt noch eine weitere Herausforderung hinzu: die
Integration der Flüchtlingskinder. Ihre Zahl steigt enorm. Mit fast
5000 Mädchen und Jungen ohne Deutschkenntnisse rechnet die Senatorin.
Mit dem anwachsenden Flüchtlingsstrom wird auch diese Zahl noch
weiter steigen. Schulsenatorin Scheeres will, dass diese Kinder nach
kurzer Zeit in Willkommensklassen dann an den normalen Schulen
Deutsch, Mathematik und Geschichte lernen. Im Alltag gibt es da
sicherlich viele Probleme mit der Verständigung und der Betreuung.
Scheeres will dafür die Lehrer qualifizieren und den Schulen
zusätzlich Personal für die psychologische Betreuung von
traumatisierten Kindern sowie Sozialarbeiter bereitstellen. Es wird
darauf ankommen, dass die Schulen sich nicht alleingelassen fühlen
mit der Mammutaufgabe. Die Senatorin sollte in ihrer Verwaltung
genügend Ansprechpartner haben und notfalls mit mehr Personal
nachsteuern. Der beste Weg, die Sprache zu lernen und sich in der
deutschen Gesellschaft zurechtzufinden, führt über die Schulen. Da
mutet es absurd an, wenn der SPD-Landesvorsitzende von Thüringen
Andreas Bausewein die Schulpflicht für Flüchtlingskinder in laufenden
Asylverfahren abschaffen will. Bausewein will damit die Schulen
entlasten. Sowohl Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) als auch
Schulsenatorin Sandra Scheeres lehnen diesen Vorschlag ab. Wieso
sollten die Kinder auch in den Flüchtlingsheimen oder auf der Straße
ihre Zeit sinnlos vergeuden? Nein, es ist die Aufgabe der deutschen
Gesellschaft, diesen Kindern Perspektiven zu geben. Ganz gleich, ob
sie dauerhaft oder nur für eine Zeit in Deutschland leben. Aber noch
einmal zurück zu den Hausaufgaben der Schulsenatorin. Der Senat hat
ein Programm aufgelegt, um die Schulen zu sanieren. 76 Millionen Euro
werden für neue Dächer, Isolierungen, Sportanlagen und Toiletten
ausgegeben. Das Problem in Berlin ist allerdings, dass die Bezirke
für die Schulbauten zuständig sind. Das führt dazu, dass wegen
Personalmangels oder Problemen bei der Ausschreibung, die Sanierung
häufig nicht so schnell vorangeht, wie es sich viele Lehrer, Schüler
und Eltern wünschen. Es wäre gut, wenn die oberste Politikerin, die
für die Berliner Schulen zuständig ist, sich dieses Problems annehmen
würde. Das ständige Verweisen auf die Aufgaben zwischen Bezirken und
Senatsverwaltungen bringt nichts. Scheeres sollte nachhalten, dass
die vom Senat eingeplanten Millionenbeträge nun auch zügig verbaut
werden.
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Datum: 27.08.2015 - 19:56 Uhr
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