Neue Westfälische (Bielefeld): Islamistische Anschläge
Der privatisierte Terror
Dirk Hautkapp, Washington
ID: 1296257
"Islamischen Staates" sein sollte, die zivilisierte Welt an den Rand
der Verzweiflung zu treiben, dann sind die Apokalyptiker in der
vergangenen Woche in Amerika und - nach dem Messerattentat in der
Londoner U-Bahn - auch in Großbritannien einen bedenklich großen
Schritt weiter gekommen. Die USA, seit der Katastrophe des 11.
September 2001 überwachsam und wehrhaft, hatte mit vielem gerechnet.
Aber nicht mit einer jungen muslimischen Mutter, die neben dem
Wickeltisch Rohrbomben baut, an Schnellfeuergewehren hantiert und mit
ihrem Ehemann eine Weihnachtsfeier in einen Privat-Dschihad mit 14
Toten verwandelt. Das Massaker in Kalifornien stellt eine Zäsur dar,
die erst schrittweise ins Bewusstsein einsickert. Der Terror hat
endgültig privatisiert. Er bildet wie ein bösartiger Krebs immer neue
Metastasen, gegen die kein konventionelles Medikament wie
Telefon-Überwachung oder Metall-Detektor hilft. Wie konspirativ das
Mörder-Paar sein Drehbuch in die Tat umsetzte, führt vor Augen, dass
der radikal-islamistisch inspirierte Hass auf den Westen weder
Hauptquartier, Truppen noch Marschbefehl benötigt. Idee und
Realisation sind getrennt. Ein nach außen unauffällig wirkendes
kleines Einwanderer-Glück reicht aus. Nach der Explosion der
wandelnden Zeitbomben fragt sich Amerika: Wie viele Syed Farooks und
Tashfeen Maliks leben denn noch unter uns? Weil die Antwort darauf
unmöglich zu geben ist, sind Übersprungshandlungen programmiert.
Syrische Flüchtlinge aufzunehmen, und seien es auch nur 10.000, um
den ächzenden Europäern ein wenig Solidarität zu zeigen, wird sich
die Regierung von Barack Obama kaum mehr gestatten. Dass so der
Einzelfall zum Generalverdacht umgebogen wird, dass sich Muslime und
Mehrheitsgesellschaft bis zur offenen Feindseligkeit voneinander
entfremden, ist exakt das Ziel, das die Mordbrenner des IS, die weder
Staat noch islamisch sind, verfolgen. Tappt Amerika in diese Falle?
Kann Europa mäßigend einwirken? In der kontaminierten politischen
Debatte haben ruchlose Scharfmacher wie Donald Trump die Oberhand
gewonnen. Grau-Töne unerwünscht. Der Umfragen-Liebling unter den
republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten wirbt für die
Überwachung von Moscheen, eine Sonder-Datei für Muslime und die
Abschiebung von Flüchtlingen aus islamischen Ländern. Seine
Hetz-Agenda trifft bei vielen verunsicherten Wählern auf offene
Ohren. Der radikale Islam, die Sorge um die nationale Sicherheit ist
das heißeste Thema im Wahlkampf geworden. Und Präsident Obama, der um
Besonnenheit wirbt, ein Getriebener der Ereignisse. Seine
außerplanmäßige Fernsehrede heute Nacht war der Beweis.
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Datum: 06.12.2015 - 19:45 Uhr
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