Lausitzer Rundschau: Selfies der Information
Zur Rolle der Medien in Krisenzeiten
ID: 1303412
sie sich auch noch zunehmend individuell. In Foren, in Chats, auf
Videokanälen. Ungeprüfte Informationen werden schnell zum
Selbstläufer. Beispiel Flüchtlinge: Mit ihnen hat bisher kaum jemand
direkt zu tun gehabt, schon gar nicht negativ, denn sie leben in
Lagern. Und dennoch glaubt die Hälfte der Deutschen, dass es zu viele
sind, dass sie das Land überfremden, dass von ihnen Gefahren
ausgehen. Es ist Glauben, nicht Wissen, es ist durch Fakten nicht
gedeckt, und es will oft auch gar keine Fakten kennen. Lügenpresse,
das Unwort des vorigen Jahres, ist inzwischen zur Haltung vieler
geworden, nicht nur der Pegida-Anhänger. Der Begriff markiert die
kommunikative Verweigerung von Gruppen, die eigene
Informationsabschottung. Es ist ein perfektes System, denn jeder
Fakt, der in den Medien genannt wird und der dem eigenen Glauben
widerspricht, ist schon deshalb widerlegt, weil er dort steht: Keine
gehäuften Vergewaltigungen um Flüchtlingslager herum? Lügenpresse.
Keine erhöhte Arbeitslosigkeit durch die Asylbewerber? Lügenpresse.
Man schlägt den Boten, aber man meint die Nachricht. Auch
Verschwörungstheorien schießen immer mehr ins Kraut: Wer schoss den
Air-Malaysia-Jet über der Ostukraine ab? Die Nato natürlich, um es
Putin in die Schuhe zu schieben. Wem nutzt der Syrien-Krieg? Den
Öl-Multis, die an die Quellen dort wollen. Der Klimawandel? Das
Produkt einer Wissenschaftlermafia und der ihnen hörigen Medien. Der
Mechanismus funktioniert überall, er ist Mode. Es gibt ihn bei
Stromtrassengegnern und TTIP-Kritikern, bei Euroskeptikern und
Tierschützern, bei AfD wie Linken und selbst bei der SPD. Sigmar
Gabriel jedenfalls lässt in keiner Parteirede Attacken gegen
Journalisten aus und erhält dafür Beifall. Mindestens er sollte
darüber nachdenken, ob das jetzt die richtige Zeit für so etwas ist.
Denn für die Rechten und die Ausländerhasser ist die Verachtung der
Medien zentral; sie soll ihre Mitläufer immun machen gegen jede
Information, die ihren Hass irritieren könnte. Realitätsverleugnung
gab es immer. Das Gefährliche heute ist nur, dass sich regelrechte
Parallelgesellschaften herausbilden. Die Foren im Internet sind die
Selfies des individualisierten Informationszeitalters. Man bestätigt
seine Ansicht nur noch und beschimpft jeden, der es anders sieht.
Gerne auch unflätig, gerne anonym. Die gemeinsame Informationsbasis
der Gesellschaft bröckelt. Jeder hat seine eigene Wahrheit und lässt
sich nicht mehr beirren. Was aber kommt, wenn man in einer
Gesellschaft nicht mehr offen miteinander redet und um gemeinsame
Erkenntnisse ringt, ist düster.
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Datum: 23.12.2015 - 19:46 Uhr
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