WAZ: Ein Bundestrainer für die Bildung
- Kommentar von Michael Kohlstadt
zur Schulpolitik
ID: 1498079
Fußball-Bundestrainer und manchmal auch 80 Millionen Schulexperten.
Letzteres liegt in der Natur unserer Biografie. Weil jeder selbst
Schüler war und lange genug die Schulbank gedrückt hat, stellt sich
bei vielen automatisch das Gefühl ein, sich in Schuldingen bestens
auszukennen. Hinzu kommt der Eifer der direkt Beteiligten: Eltern,
die nur das Beste für ihren Nachwuchs wollen; Lehrer, die sich nicht
selten als Opfer eines überforderten Systems sehen; Schüler, die ein
Recht auf Mitsprache fordern.
Beim Thema Schule mischt also irgendwie jeder mit. Und ist die
Unzufriedenheit erst einmal da, wächst sie sich schnell zum
millionenstimmigen Meinungschor aus. Für Politiker ist das ein
gefundenes Fressen. Denn die Erfahrung zeigt: Mit Bildungspolitik
lassen sich Wahlen gewinnen. Gerade erst wurde die rot-grüne
NRW-Landesregierung auch wegen ihrer unentschlossenen Schulpolitik
vom Wähler abgestraft. Bittere Ironie: Dass SPD und Grüne die
verkürzte Gymnasialzeit mitsamt ihren Webfehlern als Erblast von der
schwarz-gelben Vorgängerregierung übernommen und sich um des lieben
Schulfriedens willen in Sachen G8 vom Bock zum Gärtner gemacht
hatten, fiel dabei unter den Tisch.
Dass ausgerechnet Schulen immer wieder zu Spielbällen kurzlebiger
Tagespolitik werden, ist ein Drama. Schule braucht Ruhe und
Beständigkeit. Das sagen Schulpraktiker und Bildungsforscher
gleichermaßen. Nicht von Ungefähr warnen selbst einst glühende
G9-Verfechter jetzt vor einer übereilten Abkehr vom Turbo-Abi. Der
deutsche Schul-Wirrwarr liegt freilich auch am System. Schulpolitik
ist Ländersache. Die 16 Bundesländer agieren im Bildungsbereich fast
wie souveräne Staaten. Sicher: Der Bildungsföderalismus ist eine
heilige Kuh, die man nicht unbedenklich schlachten kann. Eine Art
bildungspolitischer Bundestrainer würde unseren Schulen aber dennoch
guttun.
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Datum: 08.06.2017 - 19:35 Uhr
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