Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zu Angela Merkel, Autor: Reinhard Zweigler
ID: 1524555
entgleist. Merkel rolle gewissermaßen im Schlafwagen wieder an die
Macht. Alles schon gelaufen. Es gebe ohnehin kaum Unterschiede
zwischen den Parteien. Egal, wen man wähle, alles die selbe Soße. So
und ähnlich lauten die Einschätzungen und Kommentare gut drei Wochen
vor der Bundestagswahl. Doch stimmt das wirklich? Klar, wenn die
derzeitige Kanzlerin und unumstrittene Unions-Spitzenkandidatin in
den Umfragen haushoch vor ihrem SPD-Herausforderer liegt, dann schürt
das nicht gerade die Spannung. Doch Umfragen sind eben nur Umfragen.
Mitunter blamieren sie sich angesichts der wirklichen Wahlergebnisse.
Der unsägliche Brexit der Briten wurde von den Demoskopen ebensowenig
vorhergesagt wie der Wahlsieg des ziemlich unberechenbaren
Twitter-Präsidenten Donald Trump. Auch deutsche Bundestagswahlen der
jüngsten Zeit kennen Entscheidungen, die erst auf der Zielgeraden
fallen. 2002 schaffte es der angeschlagene Kanzler Gerhard Schröder
noch, der in Gummistiefeln durch das Elbe-Hochwasser in
Ostdeutschland watete, CSU-Chef Edmund Stoiber den sicher geglaubten
Einzug ins Kanzleramt zu verbauen. Am Wahlabend stieg Stoiber in
Berlin noch als Sieger ins Flugzeug ein, landete in München jedoch
dann knapp geschlagen als Verlierer. Drei Jahre später rückte
Schröder durch einen couragierten Wahlkampf der in den Umfragen weit
vorn liegenden Herausforderin Merkel noch kräftig auf den Pelz. Will
heißen, auch wenn die CDU-Chefin derzeit klar vorn liegt: Entschieden
ist die Wahl erst am 24. September um 18 Uhr. In den jetzigen "heißen
Wochen" vor dem Urnengang wird der Wahlkampf nicht nur hitziger,
pointierter, polemischer, sondern auch die politischen Unterschiede
werden dabei deutlicher. Gut so für die Demokratie. Herausforderer
Martin Schulz geht Merkel zudem direkt persönlich an. Als entrückt
und abgehoben attackiert er die Langzeit-Kanzlerin. Solche
Verbalattacken sind, verglichen mit früheren Wahlkämpfen, eher
niedlich, auf jeden Fall hinnehmbar. Sie treffen im Fall der emsigen
Arbeiterin im Kanzleramt, Angela Merkel, jedoch nicht zu. Anders als
ihre, dem Aktenstudium nicht besonders zugetanen Vorgänger Kohl und
Schröder steigt die promovierte Physikerin Merkel bis in die Details
der Probleme ein. Das verschafft ihr nicht nur Ansehen bei den
internationalen Partnern, von Paris bis Washington, sondern auch bei
geneigten Wählern und Wählerinnen sowie den Experten in Deutschland
selbst. Unflätige Kritik und Beschimpfungen ihrer lautstarken Gegner
lässt sie dagegen abperlen. Man muss Merkels zuweilen zögerliche
Politik nicht mögen, aber ein X für ein U vormachen geht bei der
Pfarrerstochter im Kanzleramt nicht. Merkels Problem liegt eher auf
einer anderen Ebene. Sie ist kein Volkstribun, keine begnadete
Rednerin, die ganze Säle und Marktplätze mitreißen kann. Sie ist,
obwohl mit einem feinen, hintersinnigen Humor und inzwischen auch mit
Bierzelterfahrung ausgestattet, immer von einer geradezu aufreizenden
Nüchternheit. Man könnte auch sagen Langweiligkeit. Merkel donnert
und schwadroniert nicht, wie ihr SPD-Herausforderer. Bei ihr wirkt
alles durchdacht, berechenbar, vom Ende her gedacht, selten von
großen Emotionen getragen. Das mag, zumal in stürmischen und
unruhigen Zeiten mit immer neuen Herausforderungen wie jetzt, von
Vorteil sein. Zugleich aber fällt es der Amtsinhaberin schwer,
Visionen für die Zukunft zu entwerfen, an denen sich etwa junge
Menschen aus der Facebook-Generation begeistern können. Auch ihr
gestriger Presseauftritt in Berlin folgte dem Motto: Ich bin Angela
Merkel. Sie kennen mich. Ich werde sie nicht enttäuschen. Das könnte,
muss aber nicht, wieder fürs Kanzleramt reichen.
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Datum: 29.08.2017 - 20:41 Uhr
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