WAZ: Vor der Hochzeit steht die saubere Scheidung - Leitartikel von Stefan Schulte zur Stahlfusion

WAZ: Vor der Hochzeit steht die saubere Scheidung
- Leitartikel von Stefan Schulte
zur Stahlfusion von Thyssen-Krupp und Tata

ID: 1532190
(ots) - Auf Kohle und Stahl ist das Ruhrgebiet gebaut,
gewachsen und auch wieder geschrumpft. Die Montanindustrie hat diese
Region geprägt, in guten wie in schlechten Zeiten. Und keine
Unternehmen haben die Montanindustrie so geprägt wie Krupp und
Thyssen. Es ist daher mehr als eine strategische Profilschärfung,
wenn Thyssen-Krupp als letzter Dax-Riese mit einem Kern aus Stahl
eben diesen herausschält aus dem Konzerngeflecht. Die Essener
verdienen schon lange mehr Geld mit Aufzügen und Autoteilen als mit
dem guten alten Stahl. Aber Thyssen-Krupp ohne seine Urzelle - das
ist fürwahr eine Zäsur historischen Ausmaßes. Ebenso die Entscheidung
gegen Duisburg als Zentrale.

Der Elektroingenieur Hiesinger hat als Konzernchef lange daran
getüftelt, den mit Pensionsverpflichtungen und Schulden schwer
belasteten Stahl als Kerngeschäft loszuwerden. Lang genug für die
Arbeitnehmerseite, sich auf den Fall der Fälle vorzubereiten.
Entsprechend gut organisiert ist auch der Widerstand von Betriebsrat
und IG Metall. Sie sind kampferprobt und werden sich Gehör zu
verschaffen wissen. Unterm Strich muss ihr Ziel freilich sein, so
viele Arbeitsplätze wie möglich so lange wie möglich zu sichern. Wenn
das am Ende in einer Fusion mit Tata besser gelänge als etwa bei
einer reinen Gesundschrumpfung im Konzern, einer deutschen Lösung
oder gar einer Zerschlagung - dann könnte "Tütata" doch noch im so
bewährten Konsens zwischen Management und Arbeitnehmern über die
Bühne gehen. Doch der Weg dahin ist noch weit.

Und ein Grundkonflikt bleibt: Je mehr bilanzielle Altlasten
Thyssen-Krupp seinen Stahlkochern mit ins neue Unternehmen packt,
desto schwerer wird's für Tütata, im harten globalen Wettbewerb zu
bestehen. Hiesinger hat kein Interesse, das Joint Venture gegen die
Wand zu fahren, schließlich bleibt er bis auf Weiteres zur Hälfte


daran beteiligt. Doch sein Hauptaugenmerk gilt den im Konzern
verbleibenden Sparten - und je mehr Altlasten er aus der
Konzernbilanz tilgen kann, desto besser für das neue Thyssen-Krupp.
Die Interessen von Konzern und Stahl-Beteiligung klaffen hier
auseinander.

Will Hiesinger der Stahl-Hochzeit mit Tata eine friedliche
Scheidung zugrunde legen, muss er die Arbeiter überzeugen, dass
Tütata eine echte Perspektive hat, idealerweise eine bessere als ohne
Fusion. Dafür sprechen die Werksprofile und Einsparmöglichkeiten
jenseits bloßer Schließungen und Stellenstreichungen. Und dafür
spricht die schiere Notwendigkeit, so oder so Überkapazitäten abbauen
zu müssen. Dagegen spricht, dass die Synergien erst in Jahren voll
greifen und die Konkurrenz nicht ruhen wird. Ferner spricht dagegen,
dass Zusagen und politische Einflussnahme in Großbritannien
befürchten lassen, dass am Ende nicht die besten Werke übrig bleiben,
sondern die bestbeschützten.

Die Arbeit für Hiesinger beginnt mit dem heutigen Tage erst
richtig. Ein historischer Schnitt dieser Tragweite muss einer allen
Seiten gerecht werdenden Strategie folgen und nicht den Gesetzen
reiner Bilanzarithmetik. Wenn Hiesinger das gelingt, hat er die
Chance, den Konzern langfristig zu befrieden. Und so verstaubt und
überholt manch Tradition sein mag - die Montan-Mitbestimmung ist es
nicht. Ohne sie wäre es niemals gelungen, den seit Jahrzehnten
laufenden Abbau Abertausender Arbeitsplätze bis heute ohne
betriebsbedingte Kündigungen zu managen. Das verdient eine
Fortsetzung.



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