Allg. Zeitung Mainz: Gemeinsam / Kommentar von Christine Bausch zum Luther-Jahr
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verkauft und damit für den Hersteller zur erfolgreichsten Figur aller
Zeiten wurde. Ein Feiertag für alle in Deutschland - gleich, ob
evangelische oder katholische Christen, Atheisten, Juden oder Muslime
- einmalig in 500 Jahren. Ist das alles? Was bleibt wirklich vom
Reformationsjubiläum 2017? Vielfach wurde in diesem Jahr an Martin
Luther erinnert, die Bedeutung seiner Thesen beleuchtet, seine Lieder
gesungen, die ebenso wie die Bibelübersetzung den Glauben für alle
begreifbar machen sollten, die Auswirkungen der Reformation auf
Sprache und Bildung gewürdigt. Luther war trotz aller Ecken und
Kanten, die im Übrigen nicht verschwiegen wurden, ein Wegbereiter für
die Moderne. Und ja, er war zur rechten Zeit am richtigen Ort - ohne
Gutenbergs Buchdruck wäre Luthers Botschaft nicht so rasant in die
Welt getragen worden. Und doch ist das Jahr 2017 mehr als eine
Luther-Renaissance, mehr als Luther-Festspiele. Hinter der
Veröffentlichung der berühmten 95 Thesen, die ausschlaggebend für die
Reformation waren, steckt der Mut, Widerspruch zu wagen, die
Beharrlichkeit, Dinge verändern zu wollen, auch gegen größte
Widerstände. Luthers Erkenntnis, dass der Mensch allein durch Gottes
Gnade bestehen kann, verleiht diesem Freiheit und Würde, macht ihn
zum mündigen Individuum. Luther - hier ist er wirklich Vorbild. 500
Jahre nach den Ereignissen in Wittenberg ist es spannender,
vielleicht wichtiger denn je, auf der Grundlage der biblischen
Botschaft Antworten auf die brennenden Fragen unserer Zeit zu suchen.
Denn nur wer sich der eigenen Identität bewusst ist, wer die Wurzeln
des viel gepriesenen christlichen Abendlandes tatsächlich kennt, kann
auch Toleranz gegenüber anderen zeigen. Eine der schönsten
Erfahrungen des Reformationsjahres ist das Zusammenrücken der
evangelischen und der katholischen Christen. Da wurden Zeichen der
Versöhnung gesetzt, gemeinsam gefeiert, aller Ängste und Bedenken zum
Trotz. Christen beider Konfessionen fokussierten sich nicht auf
Trennendes, sondern lebten Gemeinsamkeiten. Und genau darin liegt die
Chance. Um das Trennende - etwa die Frage des gemeinsamen Abendmahls
-, wissen die Kirchennahen, für die breite Masse der Gläubigen aber
sind diese Unterschiede kaum relevant. Blicken wir in die Zukunft:
Die Konfessionen bleiben wohl bestehen, aber die Kirchen werden, ja
sie müssen verstärkt gemeinsam auftreten und Stellung beziehen. Sonst
wird das Christentum in Europa zur verschwindenden Minderheit. Im
konkreten Leben der Christen wird das Trennende immer unwichtiger.
Eine schöne Vision im Reformationsjahr.
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Datum: 29.10.2017 - 18:48 Uhr
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