Neue Westfälische (Bielefeld): Urteil im Schlecker-Verfahren
Weg zur Einsicht
Dieter Wonka, Berlin
ID: 1556030
gescheiterte Kaufmannsperson, ist haarscharf am Knast vorbei
gekommen. Für viele der berühmten "Schlecker-Frauen" muss das wie ein
ungerechtes Urteil, wie ein falscher Schlussstrich erscheinen. Aber
es ist ein vertretbares Urteil. Anders als viele große Manager hat
sich Schlecker Senior, nach allem was man weiß, nicht persönlich
bereichert. Er ist als gescheiterte Existenz auf der Strecke
geblieben. Eine ehrliche Entschuldigung bei seinen Ex-Angestellten,
seinen Opfern, für deren entstandene familiäre und berufliche Not hat
er nicht zustande gebracht. Für ein Mindestmaß an Anständigkeit
fehlten ihm wohl der Mumm und die Größe. Vieles von dem, was
Schlecker und seiner Geschäftsidee anzukreiden ist, ist unsozial,
aber nicht justiziabel. Geblieben ist die Erkenntnis, dass einer
privat und als ungelernter Kaufmann ins Risiko gegangen ist, dass er
mächtig und vielleicht auch gierig wurde. Und jetzt ist dem
Milliardär von einst nur noch der Unterschlupf bei seiner recht
vermögend gewordenen Frau geblieben. Die Kinder wird er wohl
zeitweilig in der Zelle besuchen können. Das geschieht der Familie
recht, die nach dem Bankrott zur falschen Zeit die irreführende
Nachricht der Öffentlichkeit zurief: "Verstehen Sie, es ist nichts
mehr da!" Das war eine Verhöhnung der Schlecker-Generation. Und es
war eine miserable Vorstellung, denn später wurden doch ein paar
Millionen für den Insolvenzverwalter überwiesen. Es war auch ein
Hinweis darauf, dass im Gegensatz zu ihrem gescheiterten Vater die
Kinder dachten, sie könnten mit Tricks den Rechtsstaat
ausmanövrieren. Sie haben sich die Zeit für Buße auf dem Weg zur
Einsicht verdient. Anton Schleckers Idee war es, billigste
Arbeitskräfte einzukaufen und im großen Stil Drogerieartikel zu
verkaufen. Ihm brachte das zeitweilig Milliarden ein, Tausende von
Schlecker-Frauen blieben beim Bankrott auf der Strecke. Der
Metzgermeister hatte kein unternehmerisches Format. Das ist nicht
strafbar. Gesellschaftspolitisch ist Schleckers Verhalten schlicht
saumäßig. Wäre ein solches ethisches und unternehmerisches Versagen
justiziabel, dann müssten aber in Deutschland flächendeckend neue
Knäste gebaut werden. Air Berlin ist vom Markt verschwunden, aber der
letzte Vorstandschef Thomas Winkelmann hat sich trotz knallharter
Pleite vier Millionen Euro Gehalt bis 2021 absichern lassen. Bei VW
sitzen Bosse fest im Amt, die entgegen der Vernunft behaupten, sie
hätten nichts von systematischer Schummelkriminalität mitbekommen. Im
Siemens-Konzern hantieren Top-Manager eiskalt mit Arbeitsplätzen, nur
um ihr unternehmerisch-strategisches Versagen zu kaschieren.
Schlecker hat sich dümmer angestellt. Die anderen Manager-Versager
sind deshalb aber nicht besser - eher im Gegenteil.
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Datum: 27.11.2017 - 20:00 Uhr
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