Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zum "Unwort des Jahres":
ID: 1570532
Aufgabe gemacht, bestimmte Formulierungen in der öffentlichen
Kommunikation kritisch unter die Lupe zu nehmen. Die Juroren möchten
das Sprachgefühl der Menschen sensibilisieren und zugleich Ausdrücke
anprangern, die diskriminieren oder auch gegen Prinzipien der
Demokratie verstoßen. Die Bezeichnung "alternative Fakten" ist nach
Ansicht der Darmstädter Sprachkritiker "der verschleiernde und
irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als
legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu
machen". Wer von "alternativen Fakten" spricht, will nicht
wahrheitsgemäß und nach bestem Wissen und Gewissen Auskunft geben,
sondern desinformieren. Es ist damit genau das Gegenteil dessen, was
Bürger in einer Demokratie erwarten dürfen. Falschbehauptungen können
einen großen Schaden anrichten und erschüttern das Grundvertrauen in
unser politisches System. Das "Unwort das Jahres" erinnert daran und
ist daher eine gute Wahl. Eine Beraterin von US-Präsident Donald
Trump hatte den Begriff vor einem Jahr geprägt, als sie damit eine
offensichtlich falsche Behauptung von Trumps Pressesprecher zu
relativieren versuchte. Dieser hatte angegeben, zur Amtseinführung
des Präsidenten seien so viele feiernde Menschen wie nie zuvor bei
einer Inauguration auf der Straße gewesen. Luftaufnahmen widerlegten
diese Aussagen und die "alternativen Fakten" wurden als Lüge
entlarvt. Zu Trumps Amtsführung gehört seit diesem unrühmlichen
Beginn eine ganze Reihe sprachlicher Entgleisungen. Jüngstes
Beispiel: die "Dreckslöcher"-Aussage, mit der der US-Präsident bei
einer internen Besprechung afrikanische Länder und Haiti diffamierte.
Das ist viel mehr als nur schlechter Stil. Es ist eine menschliche
Eigenschaft, gerade solche Aussagen für glaubwürdig zu halten, die
den eigenen Überzeugungen entsprechen - auch wenn die Belege dafür
vielleicht gar nicht stichhaltig sind. Wir möchten unser Weltbild am
liebsten bestätigt sehen. Gegenargumente haben es da schwer.
Besonders problematisch wird der Austausch unterschiedlicher
Ansichten, wenn nicht belegbare Behauptungen an die Stelle von
faktenbasierten Aussagen treten. Das ist gerade in den sozialen
Medien eine große Gefahr. Dort kursieren mitunter die wildesten
Gerüchte und Spekulationen. Noch schlimmer sind regelrechte
Kampagnen, die sich gerade solche Gruppen zunutze machen, die sich
mit ihren Meinungen in der Öffentlichkeit nicht ausreichend
repräsentiert fühlen. Extremes Gedankengut und Fehlinformationen
erreichen in den sozialen Medien ein breites Publikum. Bei der
Beurteilung solcher Darstellungen ist der Nutzer im Wesentlichen auf
sich gestellt - auf sein Urteilsvermögen, sein Wissen und auch auf
sein Gefühl dafür, was wahr sein kann oder auch nicht. Eine
Qualitätskontrolle wie im seriösen Journalismus gibt es in den
Untiefen des Internets nicht. Im vergangenen Jahr hat unser
Medienhaus eine Kampagne zur Glaubwürdigkeit gestartet mit dem Ziel,
zu zeigen, dass wir zuverlässige und gesicherte Informationen
anbieten. Es geht darum, nicht einfach weiterzugeben, was man
irgendwo gehört hat, sondern weitere Quellen zu befragen. Dass dabei
auch einmal Fehler passieren können, gehört leider zur Wahrheit. Doch
auf Grundlage seriös recherchierter Informationen hat jeder die
Möglichkeit, sich eine Meinung zu bilden. Die "Lügenpresse"-Vorwürfe
- übrigens das Unwort 2014 - sind zwar leiser geworden. Das heißt
aber nicht, dass das bewusste Streuen von Misstrauen und das
Verbreiten von falschen Informationen aufgehört hätte. In einer Welt
mit "alternativen Fakten" ist eine unabhängige Berichterstattung
wichtiger denn je.
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Datum: 16.01.2018 - 19:21 Uhr
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