Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Kuba
ID: 1602532
wie in der DDR-Endphase sind die Altrevolutionäre an ihr biologisches
Ende gelangt. Mit Miguel Díaz-Canel tritt ein ehemaliger Jugendführer
und bedingungsloser Kadermann an die Spitze. Der Übergang ist
riskant. Dennoch gibt es keinen Besseren als den 57-jährigen
Parteichef aus der Provinz Villa Clara. Dort steht das große
Mausoleum für Che Guevara. Dort werden die Heldenszenen des
Gründungsmythos verortet. Der neue Mann an der Spitze hat zwar nicht
mehr mitgekämpft, aber er ist niemals angeeckt und war jahrzehntelang
Lordsiegelbewahrer der Insignien karibischer Revolution. Das ist den
Apparatschiks wichtiger als eine anständige Wirtschaftspolitik und
Orientierung an den tatsächlichen Bedürfnissen des Volkes.
Ein System, das nach 60 Jahren immer noch Eier und Milch gegen
Bezugsscheine ausgibt, hat versagt. Wer seine Bürger mit einem
Grundlohn in Höhe von 30 Dollar abspeist, kommt wie Nordkoreas Kim
Jong Un nicht ohne Hassgegner, politische Prozesse und Zensur aus.
Auch Kubas dritter sozialistischer Präsident ist nicht demokratisch
legitimiert. Gestern hat das Ein-Parteien-Parlament Díaz-Canel zum
neuen Staatschef bestimmt, aber vorerst noch nicht zum Vorsitzenden
der Kommunistischen Partei Kubas erhoben. Der Schritt wird folgen,
wenn Raul Castro die letzte Kraft zum Klammen an den Zügeln der Macht
verlässt.
Fidel Castro war 1959 noch auf einer Welle breiter Zustimmung ins
Amt gespült worden. Und ja, Castro wäre wohl in den 1960er,
vielleicht auch in den 1970er Jahren als Sieger aus freien Wahlen
hervorgegangen. Spätestens seit dem Rumoren im Ostblock, das 1980 in
Danzig begann, hatte die Masse der Kubaner die DDR-ähnlichen
Verhältnisse gründlich satt. Damals begann die große Flucht übers
Meer. Heute kann sich jeder, allerdings nur mit Devisen, freikaufen.
Das Tor zu einem Ausgleich mit den USA stand unter Barack Obama
durchaus offen. Raul Castro hat den Schritt über die Schwelle
verweigert. Mit Donald Trump ist die Tür jetzt wieder verriegelt -
und zwar von beiden Seiten. Diaz-Canel kann nicht anders, als den
Kurs seiner Vorgänger fortzusetzen. Das heißt: Stillstand, bloß keine
Experimente und immer noch keine echten Bürgerrechte für elf
Millionen in Armut gehaltene Insulaner.
Kurzum: Die Politik des Hinhaltens wird wohl weitergehen.
Unvorstellbar ist, dass Kuba vielleicht dem chinesischen Vorbild
folgt und einen knallroten Kapitalismus unter der Kontrolle der KP
einführt. Echte Fortschritte sind nur mit einer Führung aus freien
und geheimen Wahlen zu erreichen. Damit genau das nicht passiert, hat
sich die kubanische Führung gerade verjüngt.
Und was wollen die Kubaner? Wer weiß - niemand hat sie seit der
Revolution gefragt.
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Andreas Kolesch
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Datum: 19.04.2018 - 21:05 Uhr
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