Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Seenotrettung von Flüchtlingen
ID: 1633101
meisten Menschen gar nicht erst aufs Meer wagen und die Schlepper
ihre Geschäftsgrundlage verlieren: Das ist der zentrale Vorwurf gegen
die privaten Seenotretter auf dem Mittelmeer. Es stimmt: Die Retter
werden mittlerweile von den Schleppern einkalkuliert. Dank
Satellitenortung wissen sie genau, wo sich deren Schiffe befinden.
Dieses Wissen verwandeln die Schlepper in Geld: Sie statten die
völlig überfüllten Schlauchboote nur mit so viel Benzin aus, dass
sie internationale Gewässer erreichen. Somit werden die
Seenotretter Teil des Geschäfts. Aber sie paktieren nicht mit den
Schleppern und profitieren auch nicht davon. Sie haben die
Fluchtbewegung aus Afrika auch nicht ausgelöst, sondern lediglich
darauf reagiert. Die Seenotretter wollen nur eines: Menschen
retten. Der Vorwurf, sie seien eine Art »Taxiservice«, hat es
trotzdem in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft und in die
Politik geschafft. Innenminister Horst Seehofer (CSU) fordert, dass
es zwischen Libyen und Europa keinen »Shuttle« geben dürfe. Und
Italiens Innenminister Matteo Salvini nennt die Retter
»Vizeschlepper«. »Je mehr man rettet, desto mehr kommen doch!« oder
»Lasst doch mal ein paar ertrinken, dann wissen alle, was passiert.«
Solche Sätze sagt man inzwischen in Büros und auf Partys. Das ist
mehr als nur die Verrohung der Sprache. Die moralischen Grenzen haben
sich verschoben. Die Frage zu stellen, ob man Menschen, die in
Lebensgefahr sind, retten oder lieber sterben lassen sollte, ist der
erste Schritt in die Barbarei. Wir Europäer haben die Empathie für
die Flüchtlinge verloren. Warum? Weil sie uns mit ihrem Elend und
ihrer Not nahegerückt sind. Sie erinnern uns daran, dass die
Globalisierung, von der wir so profitieren, auch ihren Preis haben
könnte. Weit mehr als 1000 Menschen sind seit Anfang des Jahres an
den Grenzen der EU ertrunken. Und die reichste Staatengemeinschaft
der Welt geht das Problem nicht gemeinsam an. Das ist der Anfang vom
Ende eines sich auf Aufklärung und Menschenrechte berufenden Europas.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Europas Aufnahmefähigkeit ist endlich.
Deswegen müssen die Fluchtursachen bekämpft werden. Dafür brauchen
die afrikanischen Länder mehr finanzielle Hilfe. Der Terror muss
gestoppt, militärische Konflikte müssen gelöst werden. Was es
braucht, sind Regeln und mehr Info-Kampagnen, damit den
Schleppern, die für ihre Dienste Werbung machen, das Handwerk gelegt
werden kann. Vorstellbar sind auch Abkommen, die regeln, jedes Jahr
eine bestimmte Zahl von Migranten aufzunehmen. Das ist zwar
einfacher gesagt als getan. Aber Europa darf keine Zeit mehr
verlieren. Denn Abschreckung hilft nicht, die Flüchtlinge kommen
trotzdem.
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Andreas Kolesch
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Datum: 22.07.2018 - 21:30 Uhr
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