Westfalenpost: Bitte noch einmal abstimmen
ID: 1645043
Wunder: Jahrelang ist die EU-Kommission der Debatte um die nervende
Zeitumstellung ausgewichen, immer wieder hat sie kritische Studien
und Mahnungen von Experten ignoriert. Jetzt endlich handelt Präsident
Jean-Claude Juncker und stellt die Weichen für ein Ende der
halbjährlichen Zeitsprünge. Respekt, möchte man sagen: Es gibt viele
gute Argumente für diesen Schritt. Doch leider: Junckers Begründung
gehört nicht dazu. Als der Präsident den überraschenden Vorstoß
verkündete, berief er sich allein auf den angeblich ermittelten
Wunsch der EU-Bürger. Das ist, mit Verlaub, einfach falsch.
Tatsächlich haben weniger als ein Prozent der Einwohner der Union auf
einer Internetseite der EU-Kommission ihre Meinung zur Zeitumstellung
geäußert - in vielen Teilen Europas war die Beteiligung nahe null.
Eine Debatte gab es nicht. Die Aktion mag im Sinne von mehr
Bürgernähe gut gemeint gewesen sein. Aber Juncker und seine
Kommission können diese Befragung nicht im Nachhinein zur Grundlage
einer so weitreichenden Entscheidung machen. Die Alternativen zur
Zeitumstellung sind im Übrigen nicht durchweg verlockend. Gilt
künftig die Sommerzeit das ganze Jahr über, dann geht im tiefen
Winter die Sonne teilweise erst um halb zehn oder später auf - die
Schule und die Arbeit beginnen gefühlt mitten in der Nacht. Und: Aus
den drei Zeitzonen in der EU könnte ein unüberschaubarer
Flickenteppich werden. Ein Rückschlag für das Gemeinschaftsgefühl in
Europa, eine unnötige Belastung für die Wirtschaft. Muss das sein?
Wenn Juncker wirklich an einer demokratischen Entscheidung
interessiert ist, dann legt er den Bürgern die Frage der
Zeitumstellung nächstes Jahr am Tag der Europawahl zur Abstimmung
vor. Noch besser, wenn die Bürger danach auch zu anderen, wichtigeren
Themen gefragt würden.
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Datum: 31.08.2018 - 22:24 Uhr
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