Heilbronner Stimme: Boeing-Absturz - Gesellschaft für Opferrechte rechnet mit Schadensersatzverfahren. Jurist Wellens kritisiert Krisenkommunikation
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Vereins "Crash - Gesellschaft für Opferrechte", sieht auf Boeing nach
dem Absturz einer 737 Max 8 in Äthiopien Schadensersatzforderungen
von Angehörigen zukommen. Wellens sagte der "Heilbronner Stimme"
(Donnerstag): "Es ist sicherlich nach jetzigem Stand einigermaßen
wahrscheinlich, dass sich aus dem Fall der abgestürzten Boeing 737
Max ein Schadensersatzverfahren entwickeln wird. Es stellen sich
drängende Fragen: Hat der Hersteller nach dem ersten Absturz des Typs
richtig gehandelt? Hätte man die Baureihe bis zur endgültigen Klärung
der Ursache am Boden halten müssen? Eine unzureichende Warnung vor
Risiken würde auch schon für eine Haftung ausreichen."
Wellens betonte: "Sollte ein technischer Fehler vorliegen, dann
wäre der Hersteller Boeing in Haftung, der Gerichtsstand wäre am
US-Firmensitz." Er fügte hinzu: "Unser Verein ist in erster Linie
darauf angelegt, Angehörigen konkrete Hilfe in der Not zu bieten. Wir
geben auch Rat vor juristischen Schritten und können bei
Schadensersatzfragen eine der führenden Kanzleien in den USA
vermitteln."
Wellens hat selbst Angehörige der Opfer des 2015 abgestürzten
Germanwings-Fluges vertreten und ist Vorsitzender des
Opferhilfevereins. Der aus Angehörigen der Concorde-Katastrophe von
Paris hervorgegangene Verein bietet seit seiner Gründung im Jahr 2001
Betroffenen materielle und immaterielle Unterstützung an.
Wellens sagte weiter zur Boeing-Katastrophe in Äthiopien, bei dem
auch fünf deutsche Staatsbürger ums Leben gekommen sind: "Die
Krisenkommunikation verstehe ich nicht. Warum hat Boeing nicht selbst
ein Startverbot erwirkt? Stattdessen lässt man zu, dass ein Land nach
dem anderen Flugverbote erlässt. Oder Auflagen beschließt,
beispielsweise, dass ein Pilot der Boeing 737 Max mindestens 1000
Flugstunden vorweisen muss. Dann fragt sich doch jeder Passagier:
Soll ich in ein Flugzeug einsteigen, das so schwer beherrschbar ist?"
Der Jurist fordert eine Vereinheitlichung der
Schadensersatz-Angebote an Angehörige: "Aus unserer Sicht muss der
Schadensersatz grenzüberschreitend angeglichen werden. Im
Augenblick erleben wir oft noch ein Wettrennen um den Gerichtsstand
und das anwendbare Recht. Flugzeuge sind fast immer mit Passagieren
aus unterschiedlichen Nationen besetzt. Doch die Leistungen sind von
Land zu Land sehr unterschiedlich, in Deutschland werden Angehörige
zum Teil sehr schlecht entschädigt. Es geht hier aber um ein
katastrophales Ereignis, das bei einem Flugzeugabsturz immer mit dem
Tod verbunden ist. Deshalb sollte sich der Schadensersatz in etwa an
der Todesfallleistung orientieren, die in der Regel bei
Lebensversicherungen ausgezahlt wird."
Zur Kontaktaufnahme mit Angehörigen des Unglücksfluges von
Äthiopien sagte er: "Erfahrungsgemäß dauert es einige Tage, bis sich
entferntere Angehörige von Todesopfern melden, weil die unmittelbaren
Angehörigen große Schwierigkeiten haben, die Katastrophe zu
verarbeiten. Ein Elternteil, ein Ehepartner oder Kind ist
unvermittelt und unerwartet aus dem, Leben geschieden - das löst
eine Schockstarre aus."
Wellens weiter: "Als Verein können wir schon in einer frühen Phase
nach dem Unglück Hilfe leisten. Als beim Absturz der
Germanwings-Maschine Kinder beide Elternteile verloren hatten, haben
wir Geld für den Unterhalt zur Verfügung gestellt. Unser Verein wurde
bei seiner Gründung von Angehörigen der Concorde-Katastrophe
gefördert. Sie wurden damals nach US-Maßstäben recht großzügig
entschädigt, und unterstützten uns mit einer großherzigen Spende.
Deshalb können wir auch jetzt den Angehörigen der deutschen Opfer aus
der in Äthiopien abgestürzten Boeing unsere Unterstützung anbieten."
Die Katastrophe von Äthiopien lasse grundlegende Zweifel am
Beförderungsmittel Flugzeug aufkommen. Wellens: "Das Unglück mit der
Boeing 737 Max gibt mir sehr zu denken. Vor dem Absturz der
Germanwings-Maschine schien es unvorstellbar, dass ein Pilot in
Selbstmordabsicht in einen Berg fliegt und viele Menschen mit in den
Tod reißt. Die Katastrophe in Äthiopien ist bemerkenswert, weil es
eine ganz neu entwickelte Maschine betrifft. Boeing hat innerhalb
relativ kurzem Abstand zwei Jets diesen Typs verloren, ohne
erkennbaren Anlass. Bislang konnte man immer behaupten, Flugzeuge
seien die sichersten Transportmittel, aber jetzt bekommt dieses Bild
tiefe Kratzer."
Er fügte hinzu: "Es ist ein dramatischer Vorgang für einen
Hersteller, wenn ein kompletter Luftraum für ein neu entwickeltes
Flugzeug gesperrt wird." Und: "Ich selbst würde derzeit nicht
einsteigen in das zwei Mal verunglückte Boeing-Modell. Das wäre mir
eindeutig zu risikoreich."
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Datum: 14.03.2019 - 11:24 Uhr
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