Verbraucherzentrale NRW warnt vor Produkttest-Suche / Digitale Shopping-Seuche auf Google

Verbraucherzentrale NRW warnt vor Produkttest-Suche / Digitale Shopping-Seuche auf Google

ID: 1713838
(ots) - Sie schöpfen das Wort "link" voll aus -
professionell wirkende "Nischen"- und Vergleichsseiten gehen per
Google auf Kundenfang: vor allem für Amazon. Eine Armada von
vorgeblichen Testern benotet und empfiehlt, zumeist ohne Labor und
frei von Fachwissen, zahllose Produkte. Per Link werden unbedarfte
Leser zu großen Shops befördert, die die Betreiber für jeden Besuch
oder Kauf entlohnen. Die Masche hat sich zur digitalen
Shopping-Seuche entwickelt, warnt die Verbraucherzentrale NRW.

So viel Test war nie. Wer bei Google "Test" und "Teekanne"
eintippt, trifft auf eine Heerschar an Testern. Über sieben Seiten
ziehen sich die Ergebnisse. Das Wort "Teekanne" kann auch durch 1000
andere Produkte ersetzt werden: von "Allesreiniger" über
"Nasenklammer" bis zu "Zwiebelschneider" - die Checker-Kohorte ist
schon da.

Das Erstaunliche: Sie verdrängt oft sogar bekannte Platzhirsche
wie etwa die Stiftung Warentest oder Ökotest von den Spitzenplätzen.
Ganz offensichtlich kennen sie die Algorithmen, die Google liebt.

Dabei wäre es weitaus wichtiger, dass Onlineshopper um das dubiose
Treiben in der Suchmaschine wissen. Denn getestet wird hier
allenfalls, wie leicht Leute zum Kauf verführt werden können.

Der Ort dafür ist blendend gewählt: 72 Prozent der deutschen
Internetkäufer ziehen laut einem Statistik-Portal einen
Produktvergleich zu Rate. Den liefern - natürlich via Google - die
vorgeblichen Tester. Nahezu jeder beteuert, "unabhängig" oder "100%
neutral" zu sein.

Die Auftritte ähneln einem Baukasten. Da laden lange
"Ratgeber"-Stücke zum Stöbern. Blogs, Checklisten und aufwändige
Tabellen mit Infos zu den Artikeln dürfen durchklickt, Videos
geschaut werden.

Ziel ist jedoch die Empfehlung: Das können mal drei, mal sechs
oder auch 29 Produktvarianten sein, die direkt per Link zum Kauf


scharf gemacht sind. Zumeist führt der Klick zum Branchenprimus
Amazon, mitunter auch zu Otto, eBay oder kleineren Shops.

So was zu bauen ist relativ leicht und billig. Das gilt vor allem
für Nischenseiten, die gerade mal eine Handvoll Modelle aus einer
Produktgruppe (etwa "Zwiebelschneider") promoten.

Amazon verscherbelt Do-it-Yourself-eBooks zum Thema gratis. Auf
eBay lassen sich halb eingerichtete Domains für unter 15 Euro kaufen,
lediglich Luxusversionen samt kassierfertiger Webseite kosten schon
mal über 500 Euro.

So richtig ab geht es allerdings auf YouTube. Dort trommeln
diverse Coaches für den digitalen Nebenverdienst. Ihre "Schritt für
Schritt"-Tutorials zeigen, wie Laien "automatisch Käufe generieren"
und mal eben "die ersten 1000" oder gleich "20.000 Euro mit einem
Produkt" einsacken können.

"Du musst nicht selbst testen", heißt es in den
Motivations-Videos, Grundlage für eine Benotung könnten auch
"Amazon-Rezensionen" sein.

Und so finden sich denn auf den Seiten verschwurbelte Sätze wie:
Im "Gegensatz zu den klassischen Test-Magazinen haben wir die
Produkte nicht selber in der Hand" oder: "Wir testen die einzelnen
Produkte nicht im eigentlichen Sinne".

Oder gern mal ganz ohne Sinn und Verstand - wie ein "Milka
Schokolade Vergleich" nahelegt. Den letzten Platz im Feld belegte die
"Milka Alpenmilch" mit "83,5 Prozent" deutlich hinter der
"100-Prozent"-Siegerin "Milka Alpenmilch". Der Unterschied: Statt
fünf wie bei der Verliererin waren gleich 24 Tafeln im
Sieger-Gebinde.

Wichtig, lehren die YouTube-Coaches, sei hingegen die
"Suchmaschinenoptimierung" (SEO): Produktadresse finden ("das Wort
"Test" sollte unbedingt vorkommen!") und beim "Webhoster" sichern,
"Keywort-Dichte" prüfen, "coole Buttons" implementieren, Besucher
über Facebook generieren, "Backlinks" setzen und warten... bis die
eigene "Test"-Seite nach Wochen im Google-Ranking "unter den Top 10
auftaucht".

Dauerhaft befeuert wird dieser Unfug von großen Shops, zuvorderst
Amazon. Der Konzern fährt ein großes "Partnerprogramm", das
Provisionen von "bis zu 12 Prozent" für Käufe über "Nischenseiten"
ausschüttet.

"Als Amazon-Partner musst Du kein Webmaster oder Entwickler sein -
Dank unserer Tools reicht es schon aus, wenn Du kopieren und einfügen
kannst." Auf ein ähnliches Vergütungs-Programm setzt auch Otto,
getoppt von bis zu vier Prozent obendrauf für einen Neukunden.

Die Folge: Via Google versuchen Nischen- und Vergleichsseiten
massenhaft, Reibach zu machen. Unter der Anmutung eines Tests oder
Vergleichs sowie durch Aufzählen banaler Infos und Weglassen
wichtiger Fakten jubeln sie die von ihnen bespielten Warengruppen
regelmäßig hoch.

So fand die Verbraucherzentrale bei einem Check von einem Dutzend
prominent bei Google platzierter Vergleichsseiten, die mehrere
Produktbereiche (etwa "Haushalt", "Kosmetik") ins Visier nehmen, fast
ausschließlich "gute" und "sehr gute" Noten. Nur hin und wieder gab
es ein "befriedigend". Ganz anders sah das in der Regel der Primus
unter den Produktcheckern: die Stiftung Warentest.

Drei Beispiele von vielen: Ein Saugroboter, gefeiert als "Beste
Empfehlung" ("sehr gut"), musste sich bei der Stiftung mit einem
"befriedigend" begnügen. Ein Haarglätter ("befriedigend") fing sich
gar ein "mangelhaft" ein. Diese Note pappten die seriösen
Profi-Tester auch auf eine Heißluftfritteuse. Das Gerät mit
Sicherheitsrisiko wurde auf einer Vergleichsseite dagegen mit "gut"
(1,61) bewertet.

Bei insgesamt 20 begutachteten Artikeln entdeckte die
Verbraucherzentrale überwiegend höher gepuschte Noten gegenüber der
Stiftung.

So was schadet nicht nur den Besuchern der Seiten, die ohne Arg
und Preisvergleich beim verlinkten Shop den "Kaufen"-Button drücken.
Mittlerweile, wie stets bei dubiosen Nebenverdienst-Angeboten, endet
das Projekt auch für die meisten Betreiber von Nischenseiten als
Reinfall.

Denn nur die wenigsten trotzen der riesigen Konkurrenz und den
großen Vergleichern. Klicks und Kohle erwarten in der Regel nur den,
der es auf die erste Ergebnisseite von Google schafft.

Kein Wunder, dass auf YouTube derzeit auch andere Videos zu
"Nischenseiten" hochgeladen werden - beispielsweise mit dem zwar
falsch geschriebenen, dafür aber ehrlichen Titel: "Da kacken die
meißten ab".



Pressekontakt:
Georg Tryba
0211/38 09 108
georg.tryba@verbraucherzentrale.nrw

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Datum: 11.04.2019 - 14:12 Uhr
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