Novak Djokovic, der Unbelehrbare / Ein australischer Richter hilft dem weltbesten Tennisspieler auf seinem unsäglichen Kreuzzug. Bei diesem Fünf-Satz-Krimi gibt es keinen Sieger. Von Andreas Brey
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Die Geschichte hat uns gelehrt: Wirklich große Tennisspiele werden in fünf Sätzen entschieden. 1987, Davis Cup in Hartford, USA gegen Deutschland: Der 19-jährige Boris Becker bezwingt US-Superstar John McEnroe nach sechs Stunden und 21 Minuten. Diese Partie ist eines der großen Vermächtnisse Beckers. Allein aufgrund seiner Willenskraft traute man ihm zu, jedes Spiel, und sei es noch so aussichtslos, drehen zu können. Vielleicht war es jene Gabe, die Novak Djokovic 2013 dazu bewog, Becker als Trainer zu verpflichten. Drei Jahre vertraute er dessen Rat, gewann sechs Grand-Slam-Turniere, wurde die Nummer 1 der Welt. Beckers Einfluss hätte dem 34-Jährigen in diesen Tagen gut getan. Seit Mittwoch führt der Serbe einen unsäglichen Kreuzzug, der nicht nur die Tenniswelt in Atem hält. Becker, ein Freund Djokovics, hatte dessen Weigerung, sich impfen zu lassen, als "großen Fehler" bezeichnet - und damit vielen aus der Seele gesprochen. Denn es hätte nicht dazu kommen müssen, dass die Frage, ob Djokovic zu den Australian Open reisen darf oder nicht, ein Gericht klären muss. "Darf er", befand nun ein Richter und überraschte einen Großteil derer, die sich mit dem Fall beschäftigt hatten, - mich eingeschlossen. Was bleibt, ist ein Fünf-Satz-Krimi ohne Sieger, aber mit vielen Verlierern. Wer Novak Djokovic öffentlich ans Kreuz nagelt, vergisst, dass noch andere in dieser Posse massive Fehler gemacht haben. Das Bild des "gekreuzigten Novak" stammt übrigens vom Vater des Serben, der seinen Sohn aufgrund der verweigerten Einreise gar mit Jesus verglich. Srdjan Djokovics Aussage lässt tief blicken. Offenbar hat sich das Bild des Nationalheiligen, als der sein Junior in der Heimat verehrt wird, zu sehr ins Gehirn des Seniors gebrannt. In der Tenniswelt schüttelt man zu Recht seit Jahren den Kopf über so manche Aussage des Herrn Papas, der auch der Manager des Sohnes ist. Dass er Proteste in Belgrad initiierte, zu denen sogar Regierungsmitglieder kamen, hob die Causa auf eine politische Ebene. Sogar der australische Botschafter wurde einbestellt. Auch die australische Regierung zählt zu den Verlierern. So wurde die Popularität des Weltranglistenersten ausgeschlachtet, um ein Exempel zu statuieren. Regierungschef Scott Morrison, der durch seinen Zick-Zack-Kurs in der Corona-Krise im eigenen Land mehr als umstritten ist, zeichnet von sich das Bild des harten Hundes. Nach dem Motto: "Wir entscheiden, wer zu uns rein darf!" Kein Wunder, Wahlen stehen an. Und auch die Organisatoren der Australian Open hätten eine Eskalation verhindern können. Wenn, ja wenn, sie sich vorab mit den Behörden vernünftig ausgetauscht hätten. Seit Beginn der Pandemie ist bekannt, dass Djokovic, der Rekordsieger der Veranstaltung (neun Titel), ein Impfgegner ist. Sie wussten, dass der Branchenprimus versuchen würde, via Ausnahmegenehmigung ins Land zu kommen. Dass der Richter der dafür notwendigen eilig herbeigezauberten Corona-Infektion Mitte Dezember glaubte, ist eine Farce. Es gibt Bilder, die den Superstar, der dann eigentlich in Quarantäne sein hätte müssen, ohne Maske und Abstand in der Öffentlichkeit zeigen. Fest steht: Der unbelehrbare Novak Djokovic trägt die Hauptschuld. 95 der 100 besten Spieler der Welt sind mittlerweile geimpft. Dass ausgerechnet er, als Nummer 1, sich nicht impfen lässt, ist sein gutes Recht. Aber er muss die Konsequenzen tragen. Was das bedeutet, hat der sonst sehr zurückhaltende Spanier Rafael Nadal trefflich auf den Punkt gebracht: "Das Einzige, was für mich klar ist, ist, dass man, wenn man geimpft ist, bei den Australian Open und überall spielen kann. Und die Welt hat meiner Meinung nach genug gelitten, um die Regeln nicht zu befolgen." Egal, wie viele Turniere Novak Djokovic noch gewinnt, den Titel "Größter aller Zeiten" hat er durch diese Geschichte auf jeden Fall verspielt.
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Datum: 10.01.2022 - 19:06 Uhr
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