Ist Olympia noch zu retten? Olympia ist nach wie vor faszinierend, aber mit Spielen wie in Peking auf dem falschen Weg. Die einst hehre Idee scheint ruiniert. Von Claus Dieter Wotruba
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Es ist ein Kreuz mit diesem Olympia. Einerseits ist es diese bisweilen einmalige Gelegenheit in der Sportler-Karriere, eine Belohnung für die Anstrengungen zu bekommen, und in manchen Sportarten bald die einzige Chance, dass Notiz genommen wird - wenigstens alle vier Jahre. Es ist verbunden mit unendlichem Aufwand, ein Lebenstraum, einzigartig. Andererseits ist die einst hehre Idee vom friedlichen Treffen der Welt mit Kommerz und Gigantismus längst so ruiniert, dass sich Menschen oft schon beim Wort "Olympia" angewidert abwenden. Wie nur lässt sich dieser krasse Widerspruch auflösen?
Ganz sicher nicht mit einer Bühne wie in China, wo sich jetzt ein System, das darauf viel Wert legt, auch noch damit brüsten kann, als erstes Land Sommer- wie Winterspiele an einem Ort ausgetragen zu haben. Binnen nur 14 Jahren, der Platz in den Geschichtsbüchern ist sicher. Leider. Das Kind fiel schon bei der Vergabe im Juni 2015 in den Brunnen. Sinnigerweise in Kuala Lumpur - vielleicht ja ein Wintersportort in spe? Irgendwer müsste eher Einhalt gebieten: Am Ende blieben mit Peking und Almaty in Kasachstan zwei fragwürdige Bewerber übrig. Eine Wahl zwischen Pest und Cholera.
Geht der IOC-Oberste dann auch noch auf Kuschelkurs mit den Machthabern, statt mit kritischer Distanz Haltung auszudrücken, und bejubelt die Markterschließung für Lifte und Pistenraupen bei Spielen wie diesen - es wird von potenziellen 300 Millionen neuer Wintersportanhänger in China gesprochen -, dann ist endgültig klar: Einer wie Thomas Bach hütet alles, nur nicht Sport und Sportler, obwohl er doch als Fecht-Olympiasieger selber einer war, der wissen müsste, worum es geht.
Nämlich darum, darauf zu kommen, warum in Schweden oder Österreich und in Deutschland alsbald die Verhinderer auf den Plan treten, wenn's nur um die Bewerbung geht. Olympia könnte doch auch Infrastruktur so nachhaltig forcieren, dass hinterher selbst Gegner zugeben müssen, dass sie etwas davon haben. Mit sinnvoll nutzbaren Sportstätten, mit besseren Straßen, besserem öffentlichen Verkehr. Und vor allem: Mit Bildern und Vorbildern, die Kinder animieren zu sagen: "Mama, Papa, das will ich auch." Nur ein paar Argumente als Beispiel. Ist das denn pure Träumerei, tatsächlich so unrealistisch?
In einem diktatorischen Land wird nicht gefragt, ob es nicht Irrsinn ist, dass im 2,3-Milliarden-Euro-Bob-und-Rodelbahnprojekt für Peking - zweifelsfrei eine perfekte Anlage - aktuell eine Fahrt bei Kosten von 500 000 Euro liegt, wie der deutsche Bob-Weltmeister Johannes Lochner in einer ARD-Dokumentation überschlagen hat. "Nach Olympia sind's vielleicht noch 250 000 Euro" - immer noch surreal genug. Und dass in einer trockenen Region mit Wasserknappheit Wasser über 60 Kilometer gepumpt wird, nur um ein aus dem Boden gestampftes Skigebiet adäquat berieseln zu können, hätte verboten gehört.
Der aktuelle Weg Olympias ist falsch. Und doch wird Olympia auch in Peking wieder dieser Mythos sein, der Faszination ausstrahlt und immer ausstrahlen wird. Wie so oft müssen die Athleten eine Suppe auslöffeln, die ihnen andere eingebrockt haben. Jenseits der Chinesen hätte kaum ein Sportler für eine Vergabe in den "weltberühmten" Wintersportort Peking gestimmt. Als wären Spiele wie diese nicht schon schwierig genug durch die Corona-Lage, die manchem Favoriten sein Gold, Silber oder Bronze kosten wird. Es ist nur ein klein wenig tröstlich, dass 2024, 2026 und 2028 in Paris, Mailand/Cortina d'Ampezzo und Los Angeles die Diskussionen wieder gemäßigter sein werden und können. Auch die bisherige Bewerberliste für den Winter 2030 sieht manierlich aus. Das bringt Zeit zum Durchschnaufen. Doch gesucht wird die Frau, der Mann mit dem Rettungsschirm für Olympia. Leider ist niemand in Sicht.
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Datum: 03.02.2022 - 19:22 Uhr
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