Kommentar von "nd.DerTag" zur Blockade der Brenner-Autobahn
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(ots) - Für die Blockade der österreichischen Brennerautobahn durch Anwohner*innen gibt es viel Verständnis. Das ist bemerkenswert. Reisende nehmen stundenlange Wartezeiten und Umwege in Kauf - ähnlich wie bei einem Streik, der als legitimes Mittel der Interessenvertretung gilt. Dieses Wohlwollen ist keineswegs selbstverständlich.
Als die Letzte Generation Kreuzungen und Flughäfen blockierte, war die Empörung groß. Aktivist*innen wurden beschimpft, tätlich angegangen und von Politik und Medien teils in die Nähe von Terrorist*innen gerückt. Dabei griffen sie zum selben Mittel wie die Brenner-Anwohner*innen: Sie störten den Verkehr. Der Unterschied lag vor allem darin, wofür sie ihn störten. Wer gegen Lärm, Abgase und Stau protestiert, trifft auf Verständnis. Wer die Klimakrise zum Thema macht, wird schnell zur Gefahr erklärt.
Doch der Klimaprotest ist nicht verstummt. Das zeigen an diesem Wochenende die Aktionen von Ende Gelände im Ruhrgebiet. Die Forderung bleibt dieselbe: der Ausstieg aus fossilen Energieträgern. In der Regierungspolitik spielt das jedoch nur noch eine Nebenrolle. Im Vordergrund stehen Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und wirtschaftliche Stabilität. Die ökologischen Kosten werden benannt, aber weiterhin in Kauf genommen. Das sind offenbar unvermeidliche Kollateralschäden.
Wer steigenden Konsum und immer neue Verkaufsrekorde bei Pkw als Erfolg feiert, muss auch mit den Folgen leben. Eine davon ist der wachsende Transitverkehr durch die Alpen. Die Staus am Brenner sind kein Betriebsunfall, sondern die logische Folge eines Systems, das auf immer größere Warenströme und Mobilität setzt.
Die Anwohner*innen fordern höhere Mautgebühren nach Schweizer Vorbild. Doch über den Preis allein wird sich der Verkehr kaum verringern lassen. Der entscheidende Unterschied zur Schweiz liegt woanders: Dort wird deutlich mehr Güterverkehr auf der Schiene abgewickelt.
Die Vorteile liegen auf der Hand: weniger CO2-Ausstoß, weniger Feinstaub, weniger Lärm. Trotzdem wird vielerorts noch immer so geplant, als gehöre der Bahn die Vergangenheit und nicht die Zukunft.
Die Schiene kann die Folgen für Mensch und Klima mildern. Sie beantwortet aber nicht die Frage, warum überhaupt immer mehr Waren transportiert werden müssen. Genau dort liegt der Kern des Konflikts. Der Streit am Brenner handelt deshalb nicht nur von einer Autobahn. Er wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie viel Verkehr wollen wir eigentlich noch als Preis für Wachstum akzeptieren?
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Datum: 01.06.2026 - 17:58 Uhr
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