Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT zur Elbphilharmonie Hamburg
ID: 548305
beherbergt es? Den Schemen einer toten Frau. Ist Neuschwanstein
schön? Traumhaft schön. Darinnen: Schatten eines toten Königs.
»Schön« ist nur ein anderes Wort für »nutzlos«, aber die Hamburger
wollen das nicht wahrhaben. Zwar gedachten sie sich endlich auch
einmal etwas Schönes zu leisten, aber es durfte nicht unnütz sein.
Was also ist die Elbphilharmonie? Ein Konzerthaus? Na ja, auch. Ein
Hotel? Schon eher. Lauter Luxuswohnungen? Natürlich. Vor allem aber
ein Big Point im Stadt-Marketing, ein Landmark-Building für die
HafenCity, ein Werbeträger, so profan, dass ihn die Pfeffersäcke
hinter Anglizismen verbergen.
Es gibt ein Bild von Caspar David Friedrich, den »Wanderer über
dem Nebelmeer«. Ein ehemaliger Chefmanager der Elbphilharmonie (der
zweite) hat gesagt, so wie der Wanderer stehe auch das Topmanagement
auf dem Hügel und blicke ins nebelverhangene Tal. Wichtig sei dem
Topmanagement nur das, was aus dem Nebel rage. Dafür aber, dass
überhaupt etwas herausrage, sei nicht der Topmanager verantwortlich.
Aus dem Nebel an der Elbe ragen lediglich die Kosten: 500 Millionen
Euro. Anfangs sollten es nur 187 Millionen sein, und dem dritten
Topmanager steht die Panik ins Gesicht geschrieben.
Was die Hamburger da bauen, wird ein architektonisches Weltwunder,
aber hinter der ästhetischen Verführung steckt Kalkül: Die
Elbphilharmonie muss Geld bringen. Geld aus dem Verkauf von
Konzertkarten? Mitnichten. In der Elbphilharmonie fänden 2150
Musikfreunde Platz, aber schon die Laeiszhalle ist kaum je
ausverkauft. Nein, Touristen aus aller Welt sollen ihr Geld an die
Elbe tragen, Unternehmen sollen sich dort ansiedeln. Hamburgs
ehemaliger Bürgermeister sagt, so ein schöner Bau sorge vor allem für
das Zutrauen der Investoren.
2001, als die Elbphilharmonie noch nicht mehr als eine traumhaft
schöne Idee war, hatte derselbe Ole von Beust behauptet, Hamburgs
Ziel sei es, mit dem neuen Konzerthaus zu den besten Häusern der Welt
aufzuschließen. Warum investiert die Stadt dann nicht in erstklassige
Musiker? Die Staatsoper genießt ja, sagen wir: nicht eben Weltruf . .
.
Wo jedoch die Ökonomen das Wort führen, sind kulturelle Belange
nur Erdnüsse. Die Luxuswohnungen und Hotelzimmer und Kongresshallen
und die übrigen Kuckuckskinder, die unter der Wellenfrisur des Daches
nisten, sind fertig. Der Konzertsaal aber macht Probleme. Das Herz
der Elbphilharmonie schlägt nicht. Schlimm? Peanuts.
Hauptsache, die Touristen kommen und machen ihre Fotos. Die Frage,
wieviel Geld dem Bürger die Kultur wert ist, stellt sich nicht. Sie
lautet, wieviel Geld ihm die Kultur bringt. Frank Gehry hat Bilbao
ein Guggenheim-Museum hingestellt und den Herfordern das schöne
MARTa. Reich sind sie dadurch nicht geworden. Den Hamburgern steht
diese Erkenntnis noch bevor.
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Datum: 03.01.2012 - 20:30 Uhr
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