Mittelbayerische Zeitung: Glaubwürdigkeit zählt

Mittelbayerische Zeitung: Glaubwürdigkeit zählt

ID: 555775
(ots) - Von Holger Schellkopf

Radiosender machen solche Spielchen gerne, um ihre Hörer zu
mobilisieren - und weil jeder die Systematik versteht. Die ist
tatsächlich simpel: Im Kern geht es stets darum, jemanden zu finden,
der etwas ganz Besonderes kann oder eine extraordinär seltene
Eigenschaft besitzt. Die Königsaufgabe dürfte da inzwischen folgende
sein: Finden Sie jemanden mit der festen Überzeugung, Christian Wulff
sei ein guter Bundespräsident und er solle das auch bleiben
(Einschränkung: Bewohner von Schloss Bellevue dürfen nicht
teilnehmen). Doch unabhängig davon, wie viele Bundesbürger ihrem
Präsidenten in immer wieder neuen Umfragen die Glaubwürdigkeit
absprechen; unabhängig davon, dass selbst Unionspolitiker hinter den
Kulissen schon unaufgefordert ihr Unglück mit dem Amtsinhaber
kundtun; auch unabhängig davon, dass es ausreichend viele ziemlich
gute und inzwischen sattsam bekannte Gründe dafür gibt, dass
Christian Wulff den Posten des Präsidenten freigeben sollte: Es sieht
alles danach aus, als denke er gar nicht daran, den längst
notwendigen Schritt zu tun. Das Beharren im Amt muss einem nicht
gefallen, ändern kann es aber de facto nur Wulff selbst. Der zeigt
sich aber gegenüber Kritik genauso resistent wie gegenüber Spott und
Häme - er gibt den Unantastbaren, tut inzwischen einfach so, als
hätte er nichts bemerkt. Weil das so ist, werden wir uns wohl oder
übel noch auf ein paar Jahre mit dem Präsidentenpaar Wulff einstellen
müssen. Werden akzeptieren müssen, dass dieses höchste Amt der
Bundesrepublik in den Händen eines Mannes bleibt, der sich nicht so
verhält, wie es das Amt eigentlich erfordern würde. Zugegeben, dass
ist nicht so leicht hinzunehmen - doch unser Grundgesetz bietet dem
Präsidenten diesen Schutz. Daran wird auch die 100. Talkshow mit den
immer gleichen Argumenten genauso wenig ändern, wie die 100.


Geschichte über irgendein Hotelzimmer-Upgrade, ersatzweise eine
hinterrücks eingeflogene Bonusmeile. Was sich aber durch die ebenso
zornigen wie nutzlosen Versuche, Christian Wulff mit irgendwelchen
Kinkerlitzchen aus dem Amt zu schreiben, ändern wird, ist die
Wahrnehmung der Affäre. Wenn schon der Verdacht auf winzigste
Vorteilsnahmen zur großen Nummer gemacht wird, dann gehen Maßstäbe
verloren. Dann ist der Schritt von der richtigen und wichtigen
Aufklärung zur Kampagne getan, dann gibt es statt bedeutsamer
Recherche-Ergebnisse nur noch ein Skandalisierungstheater. Je weiter
dies getrieben wird, umso mehr wird aus dem Glaubwürdigkeitsverlust
des Christian Wulff ein Glaubwürdigkeitsverlust der Medien. Je größer
das eigentlich Unwichtige gemacht wird, umso kleiner wird daneben das
tatsächlich Wichtige. Der Schaden, der dadurch entstehen kann, ist
größer als der Schaden, den nach heutigem Kenntnisstand ein paar
weitere Jahre mit diesem Bundespräsidenten verursachen können. Denn
am Ende könnte stehen, dass auch tatsächliche Verstöße gegen Werte
und Gesetze nicht mehr als solche ernst genommen werden - auch weil
die Aufklärer nicht mehr ernst genommen werden. Deshalb muss es jetzt
darum gehen, noch genauer hinzuschauen und noch kritischer abzuwägen,
was denn nun wirklich erzählt werden muss. Deshalb darf ein Thema
nicht nur weitergehen, weil die vermeintlich mächtigsten Medien des
Landes daran verzweifeln, dass ihre (in weiten Teilen berechtigten)
Attacken ohne die erwünschte Wirkung bleiben. Schließlich ist die
zweitschwerste Aufgabe für Radio-Quizzer schon jetzt: Finden Sie
jemanden, dem das Thema Wulff nicht auf die Nerven geht.



Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

Themen in dieser Pressemitteilung:


Unternehmensinformation / Kurzprofil:
drucken  als PDF  Mittelbayerische Zeitung: Schulz braucht Rückhalt Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Europaparlament
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 17.01.2012 - 19:33 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 555775
Anzahl Zeichen: 4054

Kontakt-Informationen:
Stadt:

Regensburg



Kategorie:

Politik & Gesellschaft



Diese Pressemitteilung wurde bisher 358 mal aufgerufen.


Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Mittelbayerische Zeitung: Glaubwürdigkeit zählt"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von

Mittelbayerische Zeitung (Nachricht senden)

Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).

Dunkle Wolken am Tag der Arbeit / Die Gewerkschaften stehen vor großen Herausforderungen. Hohe Tarifforderungen sind nachvollziehbar, aber sie dürfen die Inflation nicht zu sehr befeuern. ...
Zukunft geMAInsam gestalten, so hatten die DGB-Gewerkschaften den gestrigen Tag der Arbeit, nun ja nicht besonders originell, überschrieben. Das fade Motto täuscht freilich nicht darüber hinweg, dass die Gewerkschaften hierzulande vor riesigen Herausforderungen stehen. Nach zweieinhalb Jahren C

Als Ministerin untragbar Anne Spiegel hat mit ihrem Verhalten nach der Flutkatastrophe an der Ahr ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Notfalls muss der Kanzler sie rauswerfen. Von Reinhard Zweigler ...
Was waren die Beileidsbekundungen der heutigen Bundesfamilienministerin Anne Spiegel von den Grünen eigentlich wert, die den Hochwasseropfern an der Ahr Betroffenheit bekundete? Ihr sei das Herz schwer und die Trauer lasse sie nicht los, sagte sie zu Beginn der Katastrophe. Doch kurz darauf packt

Die Impfpflicht macht Sinn / Gerade weil viele in der gefährdeten Generation Ü60 noch keine Impfung haben, könnte gesetzlicher Druck Unentschlossene zu dem Pieks bewegen. / Von Reinhard Zweigler ...
Es ist schon seltsam, wie schnell das Drama des Ukraine-Krieges das Aufregerthema der vergangenen zwei Jahre in den Hintergrund gedrängt hat. Corona - war da noch was? Gefühlt ist die Pandemie doch schon vorbei, trotz hoher Infektionszahlen. Die in vielen Bundesländern vollzogenen Lockerungen,


Weitere Mitteilungen von Mittelbayerische Zeitung


Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Europaparlament ...
Mit der Wahl von Martin Schulz (SPD) zum Präsidenten des Europaparlaments ist ein Glücksgriff gelungen - für Deutschland und für die Gemeinschaftsidee. Der wortgewandte Sozialdemokrat gehört zum kleinen Kreis jener Europapolitiker, die die seit Jahrzehnten mangelnde Aufmerksamkeit für das

Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar FDP gegen Finanztransaktionssteuer Gewagtes Manöver ALEXANDRA JACOBSON, BERLIN ...
In der Politik geht es zu wie im richtigen Leben: Manchmal rennt jemand mit offenen Augen in ein Unglück. Warum gerade die FDP meint, sich ein klares Nein bei der Finanztransaktionssteuer leisten zu können, ist ein Rätsel. FDP-Chef Philipp Rösler und der Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle

Mindener Tageblatt: Kommentar zu: Rechnungshof kritisiert Steuervollzug /Überkompliziert, ungerecht und ineffizient ...
Erinnert sich noch jemand an den "Professor aus Heidelberg"? Der renommierte Finanzwissenschaftler Paul Kirchhof musste sich vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder landauf, landab durch den Kakao ziehen lassen, weil er als Kandidat für das Amt des Finanzministers tatsächlich e

WAZ: Paradies am Ende - Kommentar von Lars von der Gönna ...
Unser täglich Brot heißt Fleisch. Menschen nehmen Gerichte nicht ernst, fehlen ihnen Bratwurst, Kotelett, Steak oder Bratenstück. So wie die meisten von uns leben, haben unsere Vorfahren sich einst das Paradies vorgestellt: Gebratene Hühner fliegen einem geradewegs in den Mund. Sie tun es tä


 

Werbung



Sponsoren

foodir.org The food directory für Deutschland
News zu Snacks finden Sie auf Snackeo.
Informationen für Feinsnacker finden Sie hier.

Firmenverzeichniss

Firmen die firmenpresse für ihre Pressearbeit erfolgreich nutzen
1 2 3 4 5 6 7 8 9 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z