Westdeutsche Zeitung: Ein müder Wahlkampf um das Präsidentenamt - Die Franzosen warten bis zur Stichwahl
Ein Kommentar von Martin Vogler
ID: 616464
müde Wahlkampf in NRW richtig aufregend. Obwohl die Franzosen bereits
in sechs Tagen an die Urne sollen. Sie verfolgen das Werben von zehn
Kandidaten distanziert bis gelangweilt. Laut Umfragen weiß jeder
Dritte noch nicht, wo er sein Kreuz machen will. Eine geringe
Wahlbeteiligung am 22. April ist absehbar. Was zum Teil daran liegt,
dass kein Kandidat die im ersten Wahlgang nötige absolute Mehrheit
der Stimmen erhalten dürfte. Deshalb wird es am 6. Mai eine Stichwahl
geben - und viele Franzosen glauben, sich erst dann ernsthaft mit der
Präsidenten-Frage beschäftigen zu müssen.
Solch eine Kalkulation kann schief gehen. 2002 schaffte es der
Ultra-Rechte Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl gegen den
konservativen Jacques Chirac. Die so kaltgestellten Sozialisten
knirschten mit den Zähnen und stimmten notgedrungen für Chirac, um
aus ihrer Sicht Schlimmeres zu verhindern.
Auch zehn Jahre später gehen fast alle davon aus, dass der eher
rechte Amtsinhalber Nicolas Sarkozy und der Sozialist François
Hollande die Sache unter sich ausmachen. Doch bei Le Pens Front
National ist dessen Tochter Marine am Start. Sie tritt verbindlicher
auf als ihr oft rassistisch wirkender Vater. Marine Le Pen ist für
viele bürgerliche Franzosen, bei denen die Angst vor Überfremdung
tief sitzt, wählbar. Da einige das in Umfragen nicht zugeben, könnte
sich die Überraschung von 2002 wiederholen.
Auch dem Kandidaten der radikalen Linken, Jean-Luc Melenchon,
werden im ersten Wahlgang 15 Prozent zugetraut. Was für die Stichwahl
nicht reichen wird, aber vor allem den sozialistischen Kandidaten
François Hollande Stimmen kosten wird. Dieser farblose Mann hat es
sowieso schwer, verliert er doch stetig Teile seines komfortablen
Vorsprungs gegenüber Sarkozy. Der Präsident hingegen dreht richtig
auf - allerdings nicht mit programmatischen Aussagen, sondern mit
Showeinlagen. Ein merkwürdiger Wahlkampf.
Die Franzosen sind sicherlich auch deshalb derart uninteressiert
an der Wahl, weil beide Spitzenkandidaten keine Rezepte für Probleme
wie Arbeitslosigkeit und sinkende Kaufkraft anbieten. Was sie
hingegen hören, ist viel Polemik. Kein Wunder, dass
Fernsehdiskussionen mit Kandidaten keine Quotenhits sind.
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Datum: 15.04.2012 - 18:52 Uhr
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