Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR
Sarrazin für Euro-Ausstieg
Die Wahrheit ist gefragt
WOLFGANG MULKE, BERLIN
ID: 642838
einem provokanten Titel und einer minutiös ablaufenden Medienkampagne
bringt es der frühere Berliner Finanzsenator mit seinem Rundumschlag
gegen den Euro wohl schnell in die Bestsellerliste. Mit der These,
dass Europa den Euro nicht braucht und Deutschland schon gar nicht,
trifft Sarrazin die Gemütslage vieler Bürger. Sie fühlen sich von der
Politik alleingelassen und mit ihren Befürchtungen nicht ernst
genommen. Da ist plötzlich jemand, der ausspricht, was viele denken.
Anders als bei seinen höchst zweifelhaften Thesen zur Integration von
Zuwanderern bleibt der studierte Ökonom diesmal inhaltlich sachlich.
Nicht einmal die Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus der
Eurozone ist eindeutig formuliert. Interessanter ist die Frage, warum
jemand wie Sarrazin so viel Aufmerksamkeit und Zustimmung erfährt.
Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen spielen Autor und
Verlag mit den Medien, die gezielt bedient werden und Interviews oder
Textauszüge begeistert verarbeiten. Aus Sicht des Autors, der mit
seinem Buch möglichst viel Geld verdienen will, ist das legitim.
Politisch ist diese Art von Kampagne fragwürdig. Denn hier wird das
Projekt Euro mitten in einer schweren Krise in Frage gestellt, ohne
eine Alternative zu benennen. Das hilft niemandem weiter. Der zweite
Grund wiegt schwerer. Politiker haben es bislang nicht vermocht, die
enorm komplizierten Mechanismen rund um die Währungspolitik gut genug
zu erklären. Statt klarer Worte zu den Risiken und Chancen gibt es
oft nur Phrasen. Jedermann weiß, dass die Euro-Rettung teuer wird.
Doch niemand sagt, was es kosten kann. Diese Lücke bedienen
Populisten wie Sarrazin, weil es ihnen leicht gemacht wird. Wer sie
loswerden will, muss selbst unbequeme Wahrheiten benennen.
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Datum: 21.05.2012 - 19:37 Uhr
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