BERLINER MORGENPOST: Hajo Schumacherüber die EU-Politik und den blutigen Aufruhr in der arabischen

BERLINER MORGENPOST: Hajo Schumacherüber die EU-Politik und den blutigen Aufruhr in der arabischen Welt

ID: 722013
(ots) - Zufall, dass ausgerechnet in einer Woche, da Europa
einen vergleichsweise großen Schritt gemacht hat, in anderen Teilen
der Welt ein Mob in ideologischer Blindheit mordet und brandschatzt?
Zufall, dass ausgerechnet deutsche Rechtsextreme den
radikalislamischen Bluteifer mit albernen Filmchen anzuheizen
gedenken und gleichzeitig wütend gegen Europa hetzen? Selten wurde in
wenigen Tagen so klar, was auf dem Spiel steht: Eine, vielleicht die
naheliegendste Alternative zu Europa ist die Rückkehr des Mobs.

Es gibt viele gute Gründe, die praktische EU-Politik und ihre
waghalsigen Experimente zu kritisieren. In dieser Woche ist jedoch
auch klar geworden, dass eine parlamentarische Mehrheit im relativen
Einklang mit dem Bundesverfassungsgericht ein gemeinsames Handeln
legitimiert hat. Deutschland will Europa. Offenbar hat die Einsicht
gesiegt, dass das gemeinsame Projekt größer und bedeutender ist als
ein allemal kritikwürdiger Schuldenberg. Europa bedeutet einen
einzigartigen zwischenstaatlichen Zukunftsentwurf für ein friedliches
und halbwegs solidarisches Zusammenleben von Traditionen und
Religionen, von Nationen und Regionen.

Europa ist ein wackeliges Konstrukt, aber zugleich auch ein
großartiges kulturelles Projekt, das sich dem irren Treiben von
Aufwieglern und Warlords entgegenstellt. Europa ist Post-Mob,
zivilisatorisches Fortschrittsexperiment, sicher nicht in der
Ausgestaltung, aber als Idee tatsächlich alternativlos. Die
Niederländer haben mit ihrer Wahlentscheidung in dieser Woche
bemerkenswerte kollektive Weisheit bewiesen. Die Scharfmacher wurden
abgewählt, die versöhnlichen Kräfte gestärkt.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass in Europa, in Deutschland
zumal, die Menschen bereit waren, sich für ein Schriftstück, aus
religiösen Gründen oder wolkigen Werten wie "Ehre" umzubringen,


gesteuert oft von Anführern, die in Krieg und Chaos die Chance
witterten, ihre Macht zu vergrößern. Wenn jetzt eine kleine Schar
oftmals gedungener Randalierer mit blutigen Angriffen auf Botschaften
ihr vermeintliches Recht zu artikulieren versuchen, wenn zugleich
westliche Extremisten versuchen, den Furor weiter anzuheizen, dann
bekommt der europaskeptische Bürger eine Idee davon, was in einem
detonierten Haus Europa wieder los sein könnte. In Jugoslawien und
Irland bewiesen bis vor wenigen Jahren, dass ein Europa der Regionen
und Religionen nicht Bullerbü bedeutet, sondern Mord und Totschlag.
Geboren aus jahrhundertelangen Erfahrungen von Krieg und Zerstörung,
gebaut auf dem Fundament der Aufklärung, bedeutet Europa das
wirksamste Serum gegen Extremismus aller Art.

Natürlich bedeutet die EU eine Bedrohung für Steuerzahler. Ja, wir
werden, ähnlich wie beim innerdeutschen Finanzausgleich, zahlen
müssen für Länder, die allein keinen Wohlstand zustande bringen.
Ungleich teurer und grausamer wäre es, wenn mühsam eingehegte
Nationalismen plötzlich wieder ungehemmt ausbrächen, wenn eiskalte
Scharfmacher Religionen und Traditionen missbrauchen würden, um das
europäische Wir mit einem provinziellen Ich zu zerstören.



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Datum: 15.09.2012 - 20:49 Uhr
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