WAZ: Steinbrück in der Sozialneid-Falle. Leitartikel von Ulrich Reitz
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Tassen im Schrank. Hat Deutschland nicht andere Probleme als das
Gehalt der oder des Regierungsvorsitzenden? Wie geht es eigentlich
mit dem Euro weiter? Mit Deutschland oder Frankreich oder dem
Berlusconi-gefährdeten Italien? Wie ist es um die soziale Balance in
Deutschland bestellt und was kann man machen? Wie wollen wir umgehen
mit der Einsamkeit von zwei Millionen Menschen, die über 80 Jahre
sind und alleine leben? Und so weiter. Aber so einfach ist es nicht.
Es ist sogar schwierig - für Steinbrück und die SPD. Denn der
sozialdemokratische Kandidat hat sich in die Sozialneid-Falle begeben
und er bemerkt es nicht einmal. Deshalb verteidigt er sich, indem er
sagt, er habe doch gar nicht gefordert, ein Kanzler müsse mehr Geld
verdienen. Das stimmt, aber es ist nicht das Problem. Das besteht
darin, dass es nicht den sozialdemokratischen Genen entspricht, das
Gehalt eines Regierungschefs mit dem eines Sparkassenchefs zu
vergleichen, sondern beider Entlohnung mit der einer
Krankenschwester. Dieselbe Kluft zwischen SPD-Kandidat und SPD tat
sich auf, als Steinbrück Wein ablehnte, falls der denn weniger koste
als fünf Euro. Oder lange nicht verstand, wie man es überhaupt
anstößig finden kann, für eine Stunde Reden 25000 Euro zu bekommen.
Derartige Sätze haben stets etwas Abschätziges an sich, sie sind
nicht bodenständig und schon gar nicht mitfühlend und erst recht
nicht sozialdemokratisch, sondern arrogant, übrigens auch gegenüber
Sparkassendirektoren. Angela Merkel hat man jedenfalls nie so reden
hören. Vielleicht ist Steinbrück der Versuchung erlegen, den Applaus
bei arbeitgebernahen Veranstaltungen schon mal hochzurechnen in
Stimmenprozente für einen SPD-Kanzlerkandidaten. Vielleicht
verweigert er sich der Erfahrung, dass ein Halbprivat-Redner
Steinbrück anders wahrgenommen wird als der wichtigste Repräsentant
seiner Partei im Wahljahr. Vielleicht weiß er noch nicht, dass er mit
seiner Karriere-Entscheidung einschränken muss, was er am meisten
liebt: seine Freiheit. Einen Kanzler, der stets öffentlich sagt, was
er denkt, mag man sich lieber nicht vorstellen.
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Datum: 06.01.2013 - 19:21 Uhr
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