BERLINER MORGENPOST: Wer macht das große Fass auf? / Leitartikel von Hajo Schumacher
ID: 815686
die Briefkästen, da schwant dem deutschen Verbraucher, dass dieser
Winter, der ein langer werden wird, auch noch eine satte
Heizkostennachzahlung mit sich bringt. Gut, dass man sich bei der
Auffahrt zur Tankstelle angewöhnt hat, die Augen zuzuhalten.
Strompreisbremse hin, Solarzellen her, das Heizen auf der Autobahn
und in der Wohnung funktioniert regenerativ kaum. Aller Energiewende
zum Trotz sponsern wir weiterhin Regime, die uns Öl und Gas liefern.
Das muss nicht sein, sagen die Visionäre, lasst uns unsere fossilen
Energien doch einfach fracken (sprich: fräcken). Kann Obama doch
auch. Stimmt. Der US-Präsident hat bereits in seiner ersten Amtszeit
einen historischen Wandel eingeleitet. Mittels Fracking produzieren
die USA jedes Jahr mehr Erdgas und Öl und werden schon bald zur
Exportnation für fossile Brennstoffe aufsteigen. So sinkt die
Abhängigkeit von sinistren Potentaten; vorbei die Zeit der
Golfkriege, als Blut gegen Öl getauscht wurde und traumatisierte
Soldaten heimkehrten. Was aber ist dieses Fracking? Ganz einfach. Oft
schwappen Öl und Gas unter der Erde in Blasen oder Seen. Sehr viel
größere Mengen der kostbaren Rohstoffe aber stecken in kleinsten
Zwischenräumen, zum Beispiel in Schiefergestein. Presst man ein
Wasser-Säure-Gemisch in die Erde, sammeln sich die fossilen
Kostbarkeiten und können nach oben gepumpt werden. Der Nachteil: Kein
Mensch weiß genau, was Fracking im Erdboden anrichtet. Während die
USA mit Volldampf ihre Brennstoffe aus dem heimischen Boden pressen,
bremst der Bundesumweltminister die Fracker in Deutschland. Zwar
lagert vor allem in Niedersachsen angeblich Schiefergas für
Jahrzehnte. Aber Peter Altmaier will dieses Fass nicht aufmachen. Das
Umweltbundesamt warnt bereits vor großflächigem Abbau. Und der
Minister ahnt: Den Deutschen, die schon das Verpressen von CO2
ablehnten, werden für Gas aus dem eigenen Garten nicht zu begeistern
sein. Das kann man den Menschen kaum verdenken. Selbst der argloseste
Atom-Fan muss eingestehen, dass die Akte Gorleben, vor allem aber ein
unterirdischer Salzsee namens Asse den Tatbestand des Volksbetrugs
erfüllten. Fässer mit strahlendem Inhalt, die angeblich auf ewig
sicher untergebracht waren, fingen schon nach wenigen Jahren an zu
lecken. Ob Bürger, die ihr Häuschen direkt über einem Fracking-Revier
erbauten, davon zu überzeugen ist, dass die Säurekur im Boden völlig
harmlos sei? Eher nicht. Vielmehr darf sich die Republik darauf
einstellen, dass Fracking zum neuen Castor werden wird, das Symbol
des Bösen. So quält den Moralmenschen weiterhin die Frage, ob es
ethisch korrekter ist, den eigenen Boden zu verseuchen oder aber
seine Brennstoffe aus Saudi-Arabien zu importieren, wo Frauen
gesteinigt und Spitzbuben mit dem Hackebeil bestraft werden. Das
Fördern fossiler Energieträger wird immer eine schmutzige
Angelegenheit bleiben. Pragmatiker regen an, den Amerikanern künftig
ihre Schiefergasüberschüsse einfach abzukaufen. An saftige
Energiepreise haben wir uns ja gewöhnt.
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Datum: 14.02.2013 - 20:58 Uhr
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