Westfalenpost: 1. Mai - die Steuermoral und die Gerechtigkeitslücke
ID: 864210
und die Empfindungen der Mitte der Gesellschaft so nah beieinander
wie am 1. Mai 2013: Dass ein Durchschnittsverdiener drei Leben
braucht, um auf das Jahreseinkommen eines Dax-Vorstands zu kommen,
dass die Wirtschaft brummt, aber vielen Arbeitnehmern eine
Vollzeit-Stelle nicht reicht, dass genug Geld für Banken da ist,
während die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland 50
Prozent überschreitet - das wird zunehmend als ungerecht beurteilt.
Und dann kommt noch Uli Hoeneß und wird zum Symbol für die Reichen,
die tricksen und täuschen, um ihren Anteil an der Finanzierung des
Gemeinwohls möglichst gering zu halten.
Für den Bayern-Manager dürfte das Folgen haben. Die Zeiten, in
denen Steuerhinterziehung auch in Millionenhöhe als Kavaliersdelikt
galt, in denen man im Freundeskreis damit prahlen konnte, wie man das
Finanzamt übers Ohr gehauen hat, sind vorbei. Da hat ein kultureller
Wandel stattgefunden, der Auswirkungen auch auf die Justiz haben
wird. Und politisch ist die Kehrtwende führender Unionspolitiker in
Sachen Straffreiheit bei Selbstanzeige schon bemerkenswert.
Aber wo bleibt eigentlich die traditionelle Partei der
Erniedrigten und Beleidigten? Warum profitieren die Sozialdemokraten
nicht von der gefühlten Gerechtigkeitslücke? Vielleicht, weil sie die
in Regierungszeiten mit geöffnet hat. Oder weil der Kanzlerkandidat
mehr für Wirtschaft und Effizienz steht als für Empathie und soziales
Gewissen. Möglicherweise stößt der Wille zum Ausgleich aber auch an
Grenzen, wenn es die eigenen Interessen betrifft. Die Grünen machen
mit ihrem Steuermodell ein interessantes Experiment. Was, wenn ihre
Wähler feststellen: Die Reichen, das sind ja wir?
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Datum: 01.05.2013 - 21:58 Uhr
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