Badische Zeitung: Weihnachten 2013 / Berührt auf dem Weg Leitartikel von Michael Gerber

Badische Zeitung: Weihnachten 2013 / Berührt auf dem Weg
Leitartikel von Michael Gerber

ID: 999892
(ots) - Alles wie gehabt? Weihnachten ist angesagt - aber
die Nachrichten sind alles andere als weihnachtlich: Spannungen in
der Ukraine, ausgebeutete Wanderarbeiter auf Baustellen und frierende
syrische Flüchtlinge in verschneiten oder überschwemmten Zeltlagern.
Dazu kommen die persönlichen "Schlagzeilen", die so manchen von uns
beschäftigen werden. Kein Grund also, Weihnachten zu feiern? Oder
legen wir all die Nachrichten für ein paar Stunden auf die Seite, um
ruhig und unbeschwert feiern zu können? Manches kann man nicht
einfach auf die Seite legen, schon gar nicht das Schicksal von
Menschen. Schauen wir uns die Weihnachtsgeschichte unter diesem
Gesichtspunkt genauer an. Josef und Maria sind von Nazareth nach
Bethlehem unterwegs. Zu Fuß ist das eine relativ unsichere Strecke -
damals wie heute. Warum macht sich eine hochschwangere Frau mit ihrem
Mann auf den Weg quer durch Israel und Palästina? Der Autor der
Weihnachtsgeschichte gibt eine Volkszählung als Grund an, doch
Historiker haben heute Schwierigkeiten, diese zu belegen. Die
Berufsbezeichnung des Josef könnte Hinweis sein auf einen ganz
anderen Grund. Josef war Bauhandwerker. Vermutlich war er wie viele
seiner Kollegen auf Arbeitssuche und dürfte nur acht Kilometer von
Nazareth entfernt in Sepphoris, einer aufstrebenden Stadt, fündig
geworden sein. Jedoch geriet diese Stadt zwischen die Fronten eines
erbarmungslosen Krieges. Womöglich Grund genug für Josef, sich samt
Frau auf den Weg nach Süden zu machen, wo es sicherer war und man im
Großraum Jerusalem auf neue Arbeit hoffen konnte. Damit ist die
Weihnachtsgeschichte nicht allzu weit weg vom Schicksal vieler
Menschen heute: Da ist ein Paar auf der Flucht, auch davon spricht
die Weihnachtsgeschichte. Da sind Menschen, die ein provisorisches
Obdach gefunden haben, das sie überdies mit Einheimischen - den


Hirten - teilen müssen. Jesus blieb Zeit seines Lebens einer, der
den Einfachen, den Armen und Ausgegrenzten nahe war. Das hat seine
Zeitgenossen nachdenklich gemacht. Manche haben ihren Lebensstil
geändert, andere reagierten mit Aggression. Viele Arme und Kranke
haben gespürt: Da ist einer, der hat keine Berührungsängste. Diese
Erfahrung hat ihnen neue Kraft gegeben. Nicht wenige von uns
verbinden solche Erfahrungen mit Papst Franziskus. Viele haben den
Eindruck: Er spricht so, dass wir ihn gut verstehen können. Und er
gibt mit seinen Worten gerade denen eine Stimme, die sonst wenig zu
sagen haben. Papst Franziskus ermutigt und macht nachdenklich
zugleich. Viele, die sich im Einsatz für Benachteiligte engagieren,
fühlen sich bestärkt. Andere fragen sich: Wie sieht das aus mit
meinem Einsatz, wo habe ich selbst Berührungsängste? In diesem Sinne
kann auch Weihnachten ein Fest sein, das nachdenklich macht, ja sogar
bisweilen im guten Sinne irritiert. Die Weisen aus dem Morgenland,
sie suchen nach ihrer langen Reise freudig im Palast in Jerusalem
nach dem Neugeborenen. Letztlich landen sie in der Grotte von
Bethlehem. Später heißt es: "Sie zogen auf einem anderen Weg heim in
ihr Land." Dahinter steckt die Erfahrung, die auch nicht wenige
Helfende unserer Tage machen: Wo ich mich berühren lasse vom
Schicksal anderer, da verändert sich mein Weg. Viele Jahre später
nannte man daher auch diejenigen, die mit Jesus unterwegs waren, die
"Anhänger des neuen Weges". Für Christen heute ist Weihnachten
Ermutigung und Herausforderung zugleich: Wo fordert Gott mich heraus,
einen neuen Weg zu gehen, der Anderen - und auch mir selbst - die
Erfahrung der eigenen, unverlierbaren Würde schenkt? In diesem Sinne
wünsche ich uns berührende Begegnungen und neue Wege!

- Der Autor ist seit September 2013 Weihbischof in der
Erzdiözese Freiburg.



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