Mittelbayerische Zeitung: Quicklebendig statt verstaubt / Der DGB erlebt einen Wechsel an der Spitze - und gleichzeitig eine Renaissance der Arbeitnehmervertretung. Leitartikel von Reinhard Zweigler
ID: 1057504
Digitalisierung der Kommunikationsmöglichkeiten und der
Individualisierung der Arbeitswelt, würden die Gewerkschaften zu
einem absterbenden Ast der Gesellschaft, unkten Kritiker. Eine
verstaubte Einrichtung, die von Funktionären nur noch notdürftig
verteidigt würde. Nicht vergessen ist auch, wie Großbritanniens
"eiserne Lady" Maggy Thatcher die Gewerkschaften entmachtete. An den
Folgen dieser verheerenden neoliberalen Entscheidungen leiden
Wirtschaft und Gesellschaft im Vereinten Königreich noch heute.
Gestern begann in Berlin mit viel gewerkschaftlichem Tamtam, viel
Prominenz und in neuer hypermoderner Kulisse im neuen Messegebäude am
Funkturm, neudeutsch "City Cube", der 20. DGB-Kongress. Dieses
"Parlament der Arbeit" wird nicht nur einen Nachfolger für Michael
Sommer wählen, sondern erlebt gewissermaßen auch eine Renaissance der
Arbeitnehmervertretung. Der DGB und seine acht
Mitgliedsgewerkschaften haben sich in der modernen Arbeitswelt nicht
nur als wichtige und unverzichtbare Stütze des Tarifsystems erwiesen,
sondern auch als politische Speerspitze für Arbeitnehmerinteressen.
Der Ausgleich der Interessen von Kapital und Arbeit, von Unternehmen
und Belegschaft geht zwar keineswegs konfliktfrei über die Bühne,
sondern da wird auch kräftig gerauft. Doch die Art und Weise, wie
bislang in Deutschland immer wieder ein Kompromiss gefunden werden
konnte, wird von anderen Ländern neidvoll betrachtet. Das Wort von
der "Tarifpartnerschaft" beschreibt immer noch gut diese
spannungsgeladene Verbindung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.
Gerade in der Finanzkrise hat diese Partnerschaft wesentlich dazu
beigetragen, dass Deutschlands Wirtschaft nicht noch dramatischer
einbrach. Der bisweilen knorrige scheidende DGB-Chef Sommer hat sich
dieser geradezu staatstragenden,Aufgabe der Gewerkschaften nie
verschlossen, sondern versucht, sie kraftvoll zu gestalten und
auszuschreiten. Modernisierung kann nur mit und niemals gegen die
Beschäftigten gemacht werden. Unternehmen und Konzerne, die diese
alte gewerkschaftliche Weisheit nicht beherzigen, müssen zum Teil
viel Lehrgeld und/oder Kursverluste zahlen. Manche verschwanden sogar
völlig vom Markt. Mit dem ehemaligen Postboten Sommer, der für klare
und drastische Worte bekannt ist, geht auch ein Gewerkschafter der
alten Schule von Bord. Neuer Bundesvorsitzender der Dachorganisation
soll Reiner Hoffmann werden. Er ist, wie Sommer auch, SPD-Mitglied.
Doch auf das Parteimitgliedsbuch kommt es im DGB spätestens seit
Gerhard Schröders Agenda 2010 nicht mehr an, mit der sich der
Ex-Kanzler die Gewerkschaften zum Feind machte. Sommer und die Chefs
der großen Einzelgewerkschaften haben den DGB seitdem in eine
kritische Distanz zur SPD, zur Regierungspolitik insgesamt geführt.
Der von der großen Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie
kommende neue DGB-Chef Reiner Hoffmann wird diesen selbstbewussten
Kurs ganz sicher fortführen. Und er dürfte zugleich offener sein für
flexiblere Lösungen, etwa bei der mehr individuellen Regelung des
Renteneintritts. Zuletzt hatten die Gewerkschaften wieder großen
Zulauf. Hoffmann darf dieses Kapital nicht verspielen. Eine kräftige
Stimme für Arbeitnehmerrechte ist weiterhin vonnöten.
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Datum: 11.05.2014 - 20:15 Uhr
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