Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zum Tarifkonflikt bei der Bahn

Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zum Tarifkonflikt bei der Bahn

ID: 1132739
(ots) - Dass der Streik bei der Bahn kürzer ausgefallen
ist als gedacht, war für viele Wochenendpendler eine Erleichterung.
Auch wenn sich der Zugverkehr gestern noch nicht vollkommen
normalisiert hatte. Aber nach dem Streik ist vor dem Streik. Beide
Parteien befinden sich noch immer in einem völlig verfahrenen
Tarifkonflikt, der dringend eine Lösung braucht. Das Problem ist,
dass ein ganzes Konglomerat von Interessen im Spiel ist. Das macht
die Suche nach einem vernünftigen und für beide Seiten tragbaren
Ergebnis so schwierig. Da hilft nur Reden und Verhandeln, auch wenn
der Chef der Lokführergewerkschaft GdL, Claus Weselsky, und sein
Gegenüber von der Bahn, Personalchef Ulrich Weber, nicht gut
miteinander können. Eine Schlichtung wäre daher eine sinnvolle Idee.
Einmal abgesehen vom Ärger für Millionen von Bahnreisende: Was hat
der Ausstand bisher gebracht? Der GdL wurde per Gericht bestätigt,
dass "durch den Streik weder rechtswidrige Forderungen erhoben noch
gegen die Friedenspflicht verstoßen" wird. Der Streik sei auch bei
Berücksichtigung aller Umstände nicht unverhältnismäßig und damit
nicht zu verbieten, so der Richter. Das klingt nach einem klaren Sieg
für Weselsky. Mit einem zufriedenen Lächeln hat der GdL-Chef die
Entscheidung des Gerichts aufgenommen, um dann in einer "Geste der
Versöhnung" den Streik aus freien Stücken zu verkürzen. Doch Weselsky
erweist dem eigentlichen Gewerkschaftsgedanken einen Bärendienst: Er
vertritt Partikularinteressen, die darauf abzielen, die
Machtverhältnisse innerhalb der beiden Bahngewerkschaften zu
verschieben. Er will der größeren Eisenbahngewerkschaft EVG die
Zuständigkeit für die Zugbegleiter und das Servicepersonal streitig
machen und so als GdL an Einfluss gewinnen. Dabei sollte das zentrale
Ziel einer Gewerkschaft - ihr Wesenskern - die Solidarität der


gesamten Arbeitnehmerschaft sein. Je mehr sich
Arbeitnehmervertretungen aufsplitten, um so weiter entfernen sie sich
davon. Zu beobachten ist dieser Trend schon länger. Inzwischen ist
aber auch die Politik hellhörig geworden und bastelt am
Tarifeinheitsgesetz. Bereits Anfang Dezember soll es im Kabinett
beschlossen werden. Damit mischt sich der Staat in Bereiche ein, aus
denen er sich eigentlich heraushalten sollte. Doch das von
Eigeninteressen bestimmte Agieren kleinerer Spartengewerkschaften
provoziert dieses Einschreiten, weil durch Tarifauseinandersetzungen
immer öfter innergewerkschaftliche Konflikte auf dem Rücken der
Bevölkerung ausgetragen werden. Die Arbeitnehmervertreter schneiden
sich damit ins eigene Fleisch und schaden den Interessen ihrer
Mitglieder. Konkurrierende Gewerkschaften sind zwar erlaubt. Aber
nicht alles, was erlaubt ist, ist auch sinnvoll. Wenn innerhalb eines
Betriebs Mitarbeiter längere Schichten schieben als ihre Kollegen,
diese dafür vielleicht kürzere Wochenenden haben und womöglich noch
andere Löhne bekommen, ist niemandem gedient. Bei unterschiedlichen
Arbeitsbedingungen innerhalb derselben Beschäftigungsgruppe ist der
Ärger vorprogrammiert - und der Gesetzgeber fängt an, die rechtlichen
Vorgaben zu überdenken. Das geplante Tarifeinheitsgesetz will
konkurrierende Vereinbarungen ausschließen. Ausgehandelt würden
Verträge demnach mit der Arbeitnehmervertretung, die die Mehrheit der
Beschäftigen vertritt. Für die GdL hätte ein solches Gesetz Folgen,
ihre Expansionspläne würden durchkreuzt. Der aktuelle Konflikt bei
der Bahn ist aber nur die Spitze eines Eisbergs. Die Gewerkschaften
stehen als Tarifpartner vor der Grundsatzfrage: Was bedeutet
Solidarität? Verantwortung für alle? Die Antwort steht noch aus.



Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

Themen in dieser Pressemitteilung:


Unternehmensinformation / Kurzprofil:
drucken  als PDF  Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zum GDL-Streik 28. Journalistentag:
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 09.11.2014 - 19:58 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 1132739
Anzahl Zeichen: 4137

Kontakt-Informationen:
Stadt:

Regensburg



Kategorie:

Gewerkschaften



Diese Pressemitteilung wurde bisher 463 mal aufgerufen.


Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zum Tarifkonflikt bei der Bahn"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von

Mittelbayerische Zeitung (Nachricht senden)

Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).

Dunkle Wolken am Tag der Arbeit / Die Gewerkschaften stehen vor großen Herausforderungen. Hohe Tarifforderungen sind nachvollziehbar, aber sie dürfen die Inflation nicht zu sehr befeuern. ...
Zukunft geMAInsam gestalten, so hatten die DGB-Gewerkschaften den gestrigen Tag der Arbeit, nun ja nicht besonders originell, überschrieben. Das fade Motto täuscht freilich nicht darüber hinweg, dass die Gewerkschaften hierzulande vor riesigen Herausforderungen stehen. Nach zweieinhalb Jahren C

Als Ministerin untragbar Anne Spiegel hat mit ihrem Verhalten nach der Flutkatastrophe an der Ahr ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Notfalls muss der Kanzler sie rauswerfen. Von Reinhard Zweigler ...
Was waren die Beileidsbekundungen der heutigen Bundesfamilienministerin Anne Spiegel von den Grünen eigentlich wert, die den Hochwasseropfern an der Ahr Betroffenheit bekundete? Ihr sei das Herz schwer und die Trauer lasse sie nicht los, sagte sie zu Beginn der Katastrophe. Doch kurz darauf packt

Die Impfpflicht macht Sinn / Gerade weil viele in der gefährdeten Generation Ü60 noch keine Impfung haben, könnte gesetzlicher Druck Unentschlossene zu dem Pieks bewegen. / Von Reinhard Zweigler ...
Es ist schon seltsam, wie schnell das Drama des Ukraine-Krieges das Aufregerthema der vergangenen zwei Jahre in den Hintergrund gedrängt hat. Corona - war da noch was? Gefühlt ist die Pandemie doch schon vorbei, trotz hoher Infektionszahlen. Die in vielen Bundesländern vollzogenen Lockerungen,


Weitere Mitteilungen von Mittelbayerische Zeitung


Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zum GDL-Streik ...
von Bernhard Fleischmann, MZ Nach den Siegen vor Gericht zeigt sich der knallharte Verhandler, GDL-Chef Weselsky, großzügig und verkürzt den Lokführerstreik. Hurra. Große Erleichterung - ist die angebracht? Nein, denn in der Empörungshysterie sind wichtige Dinge untergegangen, die in ein

Westfalen-Blatt: zum Lokführerstreik ...
Da ist Claus Weselsky ein guter Schachzug gelungen. Der 55-jährige Gewerkschaftsboss beendet den Streik der Lokführer einfach ein paar Stunden früher - punktgenau zu den Feierlichkeiten zum Mauerjubiläum an diesem Sonntag in Berlin - und schon dürfte er bei vielen Bürgern Sympathiepunkte e

Stuttgarter Zeitung: Kommentar zu GDL/Bahnstreik ...
Es ist reichlich unverfroren, wie der Personalvorstand der Bahn versucht, das Publikum für dumm zu verkaufen. Das vorzeitige Ende des Ausstands der Lokführer zeige, dass es sich gelohnt habe, vor Gericht zu ziehen, beteuert Ulrich Weber. Das ist ein ziemlich hilfloser Versuch, die eigene Niede

Gesetzentwurf zur Tarifeinheit: dbb sieht Koalitionsfreiheit behindert ...
Der dbb sieht durch das auf den Weg gebrachte Gesetz zur Tarifeinheit die Vereinigungsfreiheit eingeschränkt. Der dbb Bundesvorsitzende Klaus Dauderstädt verwies am 7. November 2014 auf der 126. Hauptversammlung des Marburger Bundes in Berlin darauf, dass in Artikel 9 des Grundgesetzes, Absatz


 

Werbung



Sponsoren

foodir.org The food directory für Deutschland
News zu Snacks finden Sie auf Snackeo.
Informationen für Feinsnacker finden Sie hier.

Firmenverzeichniss

Firmen die firmenpresse für ihre Pressearbeit erfolgreich nutzen
1 2 3 4 5 6 7 8 9 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z