Westfalenpost: Günter Grass
Der anonyme Blogger ersetzt so markante Typen wie
Günter Grass." Der Göttinger Demokratieforscher Prof. Dr. Franz
Walter formulierte im vergangenen Jahr diesen Satz, um damit den
dramatisch schwindenden beziehungsweise längst geschwundenen Einfluss
der intellektuellen Eliten im gegenwärtigen Deutschland zu
beschreiben. Tatsächlich markiert der Tod von Günter Grass mehr als
das Lebensende eine weltweit bekannten und anerkannten
Schriftstellers.
Ungeachtet aller kleinen und großen
Debatten-Scharmützel, die Grass beharrlich vom eigenen Zaun einer
beargwöhnten und zunehmend nicht mehr akzeptierten Moral-Position
gebrochen hat: Dieser Mann gehörte zu den letzten Vertretern einer
kritisch-freien Denker- und Meinungsgeneration. Bundestagspräsident
Norbert Lammert brachte es respektvoll auf den Punkt: "Günter Grass
war eine Instanz in der politischen Debatte, die zuweilen störte und
manchmal auch verstörte."
Marcel Reich-Ranicki, Walter
Jens, Fritz J. Raddatz, Günter Grass: Nein, die Liste der
intellektuellen Querdenker und Quertreiber lässt sich eben nicht
beliebig fortsetzen. Jeder dieser in den letzten Jahren Verstorbenen
hinterlässt eine Lücke, die im Demokratiegefüge nicht geschlossen
wird. Die nach 1945 hierzulande so erfolgreich beschworene "Macht der
Ideen" hat kaum noch nennenswerte Köpfe.
Die Vertreter der
Geisteswissenschaften finden im gesellschaftlichen Diskurs kein Gehör
mehr - und sie melden sich auch immer seltener zu Wort. Renitente
Mahner und Nörgler, wie eben ein Günter Grass, werden heute binnen
weniger Klick-Momente von einem ungeduldig-gedankenlosen Shitstorm
einfach hinweggefegt.
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Datum: 13.04.2015 - 20:41 Uhr
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