Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Christine Schröpf zu Asylpolitik/Seehofer

Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Christine Schröpf zu Asylpolitik/Seehofer

ID: 1281162
(ots) - Wie oft kann man Kanzlerin Angela Merkel in der
Asylpolitik Ultimaten stellen und drohen, ohne sich selbst zum
Gespött zu machen oder zumindest die eigene Machtlosigkeit zu
beweisen? Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer testet das
gerade aus. Gefühlte drei oder vier Mal hat er in den vergangenen
Wochen gegenüber Berlin große Drohkulissen aufgebaut, ohne seinen
Ankündigungen Taten folgen zu lassen. Nun wird das
Allerheiligen-Wochenende als letzte Frist genannt. Was allerdings
unter "Notwehr" an der bayerisch-österreichischen Grenze zu verstehen
ist, bleibt nebulös. Wegen des Überraschungseffekts, heißt es aus dem
Kabinett. Man wird sehen. Zur Wahrheit gehört wohl auch, dass
"Notwehr" gar nicht so einfach ist, wenn man sich als Rechtsstaat
versteht. Und selbst wenn sich die "Notwehr" im Graubereich des
juristisch Möglichen bewegt, muss sie deswegen nicht politisch
machbar sein. Beispiel: Schließung der Grenzen zu Österreich. Wer
möchte Bilder von frierenden und entkräfteten Flüchtlingen
verantworten, denen von Polizisten der Zutritt nach Bayern verwehrt
wird? Seehofer gebärdet sich aus unterschiedlichen Motiven als
Störenfried der Asylpolitik. Ein wichtiger Teil ist Not und echte
Überzeugung. Gut 350 000 Flüchtlinge sind seit Anfang September nach
Bayern eingereist - besser gesagt nach Niederbayern. 350 000 Kinder,
Frauen, Männer, die Essen, ein Bett und ein Dach über dem Kopf
brauchen, was die Behörden vor immense logistische Aufgaben stellt.
Passau und kleine Gemeinden wie Wegscheid an der Grünen Grenze sind
überfordert, vor allem weil der Zustrom völlig unkontrolliert ist:
Mal stehen Helfer bereit und niemand kommt. Dann treffen nachts
plötzlich Hunderte Flüchtlinge ein - unter tätiger Mithilfe des
Nachbarlandes Österreich, das Flüchtlinge ohne Vorwarnung der
bayerischen Behörden in Bussen bis kurz vor die Grenze bringt.


Gerechterweise sei gesagt, dass die Österreicher in der Vergangenheit
viele Asylbewerber aufgenommen haben - vor Merkels Einladung an die
Flüchtlinge in Budapest sogar mehr als Deutschland, wenn man das
Verhältnis pro 1000 Einwohner als Kennziffer heranzieht. Doch jetzt
bringt es die Alpenrepublik im Durchwinken von Asylbewerbern zur
Perfektion. Ein völlig inakzeptables Verhalten. Seehofer verlangt von
Merkel zu Recht ein Machtwort gegenüber dem österreichischen Kanzler
Werner Faymann. Minimallösung ist, dass die Flüchtlinge in einem
koordinierten Verfahren nach Deutschland einreisen. Eigentlich eine
Selbstverständlichkeit unter befreundeten Nachbarländern. Doch in der
Flüchtlingskrise gilt das offenbar nicht. So bleibt Skepsis
angebracht, ob Österreich beim Anruf aus Berlin sofort einlenken
wird. Wenn man dazu bereit wäre, hätte man es längst getan. Wie
könnte im Ernstfall Seehofers "Notwehr" aussehen? Spekuliert wird,
dass Bayern die Grenzen zumindest für kurze Zeit dicht macht - als
klares Signal an Österreich, vor allem aber an die Flüchtlinge, dass
sich die Willkommenskultur in Deutschland dem Ende zuneigt. An den
Bau von Grenzzäunen - wie von der Opposition nach einer Steilvorlage
von CSU-Minister Markus Söder gerne kolportiert - denkt dabei aber
ernsthaft keiner. Wahrscheinlicher ist, dass Zufahrtsstraße und
Brücken gesichert werden. Doch das löst das Problem nicht, verlagert
es bestenfalls nach Österreich: Und von dort im Domino-Effekt weiter
in andere Länder entlang der Balkanroute, falls auch Österreich als
Reaktion auf Bayern seine Grenzen dicht macht. Die Flüchtlinge und
ihr Elend - sie verschwinden damit nicht. Sie würden nur ein Stück
aus dem unmittelbaren Blickfeld rücken. Doch all das ist Spekulation.
Keiner weiß, wann Seehofer welche Drohung wahr macht. Weit klarer
ist, wem die CSU auch künftig die Rolle des Sündenbocks in der
Asylpolitik zugedacht hat: Auf diesen Part bleibt die Kanzlerin
abonniert. Ein riskantes Manöver. Die Union sitzt in einem Boot. Wenn
Merkels Aktien bei den Bürgern sinken, fällt auch der Kurswert der
CSU. Die aktuellen Umfragen beweisen es.



Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

Themen in dieser Pressemitteilung:


Unternehmensinformation / Kurzprofil:
drucken  als PDF  Neue Westfälische (Bielefeld): Arbeitgeberverband stoppt Vertrieb eines Schulbuchs
Paradebeispiel für den Unterricht
Carolin Nieder-Entgelmeier Allg. Zeitung Mainz: Verteilungskämpfe / Kommentar zur EU-Jugendstudie von Christian Matz
Bereitgestellt von Benutzer: ots
Datum: 27.10.2015 - 19:56 Uhr
Sprache: Deutsch
News-ID 1281162
Anzahl Zeichen: 4575

Kontakt-Informationen:
Stadt:

Regensburg



Kategorie:

Politik & Gesellschaft



Diese Pressemitteilung wurde bisher 274 mal aufgerufen.


Die Pressemitteilung mit dem Titel:
"Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Christine Schröpf zu Asylpolitik/Seehofer"
steht unter der journalistisch-redaktionellen Verantwortung von

Mittelbayerische Zeitung (Nachricht senden)

Beachten Sie bitte die weiteren Informationen zum Haftungsauschluß (gemäß TMG - TeleMedianGesetz) und dem Datenschutz (gemäß der DSGVO).

Dunkle Wolken am Tag der Arbeit / Die Gewerkschaften stehen vor großen Herausforderungen. Hohe Tarifforderungen sind nachvollziehbar, aber sie dürfen die Inflation nicht zu sehr befeuern. ...
Zukunft geMAInsam gestalten, so hatten die DGB-Gewerkschaften den gestrigen Tag der Arbeit, nun ja nicht besonders originell, überschrieben. Das fade Motto täuscht freilich nicht darüber hinweg, dass die Gewerkschaften hierzulande vor riesigen Herausforderungen stehen. Nach zweieinhalb Jahren C

Als Ministerin untragbar Anne Spiegel hat mit ihrem Verhalten nach der Flutkatastrophe an der Ahr ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Notfalls muss der Kanzler sie rauswerfen. Von Reinhard Zweigler ...
Was waren die Beileidsbekundungen der heutigen Bundesfamilienministerin Anne Spiegel von den Grünen eigentlich wert, die den Hochwasseropfern an der Ahr Betroffenheit bekundete? Ihr sei das Herz schwer und die Trauer lasse sie nicht los, sagte sie zu Beginn der Katastrophe. Doch kurz darauf packt

Die Impfpflicht macht Sinn / Gerade weil viele in der gefährdeten Generation Ü60 noch keine Impfung haben, könnte gesetzlicher Druck Unentschlossene zu dem Pieks bewegen. / Von Reinhard Zweigler ...
Es ist schon seltsam, wie schnell das Drama des Ukraine-Krieges das Aufregerthema der vergangenen zwei Jahre in den Hintergrund gedrängt hat. Corona - war da noch was? Gefühlt ist die Pandemie doch schon vorbei, trotz hoher Infektionszahlen. Die in vielen Bundesländern vollzogenen Lockerungen,


Weitere Mitteilungen von Mittelbayerische Zeitung


WAZ: Nein sagen geht immer. Kommentar von Stefan Schulte zu TTIP ...
Zwischen radikaler Ablehnung und flammenden Plädoyers dafür bleibt beim Thema TTIP wenig Platz. Dabei wird es eine gründliche Abwägung geben müssen: zwischen dem unbestrittenen Nutzen etwa für exportstarke Mittelständler und Zugeständnissen beim Verbraucherschutz. Europa muss sich entsch

Südwest Presse: KOMMENTAR · SEEHOFER ...
Zündler auf der Palme Allmählich nimmt der Zwist unter den Parteischwestern CDU und CSU groteske Formen an. Seinem wachsenden Ärger über die vermeintliche Tatenlosigkeit der Kanzlerin verleiht Bayerns Ministerpräsident jetzt schon mit ultimativen Forderungen Nachdruck. Was will Horst Seeh

Mitteldeutsche Zeitung: zu Flüchtlingen ...
Es ist wahr: Langfristig können die Flüchtlinge für Deutschland ökonomisch ein großer Gewinn sein, weil sie die Überalterung der Gesellschaft stoppen und der Rentenkasse neue Beitragszahler bescheren. Aber kurzfristig werden wir erhebliche Lasten schultern müssen. Aus der Portokasse geht

Mitteldeutsche Zeitung: zu Netzneutralität ...
Eine fatale Entscheidung. Zunächst für die Struktur des Internets. Dort zählt ein Konzern künftig mehr als ein privater Nutzer. Künftig gilt: Ein Netz, zwei Klassen, null Neutralität. Die netzpolitische Grundentscheidung untergräbt den digitalen Wettbewerb und stärkt die Großkonzern auf


 

Werbung



Sponsoren

foodir.org The food directory für Deutschland
News zu Snacks finden Sie auf Snackeo.
Informationen für Feinsnacker finden Sie hier.

Firmenverzeichniss

Firmen die firmenpresse für ihre Pressearbeit erfolgreich nutzen
1 2 3 4 5 6 7 8 9 A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z