Mittelbayerische Zeitung: Das Gute im Menschen / Die Diskussionüber Zuckerbergs Milliarden-Verkündung macht eine Reihe von Problemen sichtbar. Leitartikel von Holger Schellkopf
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dafür lässt sich eine beschlussfähige Mehrheit herbeiführen: Mark
Zuckerberg ist Papa geworden. Und wie schon Franz Beckenbauer
verkündete: Der Herrgott freut sich über jedes Kind. Für
Facebook-Gründer Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan war die
Geburt des Töchterchens aber auch Anlass, um ihr einen Brief zu
schreiben. Ein Brief, der auch an die Welt geht. Schließlich
versprechen die Eltern darin, im Laufe ihres Lebens 99 Prozent der in
ihrem Besitz befindlichen Facebook-Aktien für karitative Zwecke
auszugeben. Nach aktuellem Stand geht es hier um einen Wert von rund
45 Milliarden Dollar. Genau an dieser Stelle entwickelt sich eine
Diskussion, deren eigentlicher Kern weit über den Fall Zuckerberg
hinaus geht. Eine Diskussion, an der sich gleich eine ganze Handvoll
aktueller Probleme unserer Gesellschaft ablesen lässt - und die, man
muss es leider so sagen, zu einem guten Teil auch typisch deutsch
ist. Es geht darum, dass wir, statt die positiven Dinge wahrzunehmen,
lieber nach negativen Aspekten suchen - und im Zweifelsfall alles
Ungewisse einfach negativ auslegen. Am Beispiel Zuckerberg bringt das
im ersten Schritt das dumpfe Totschlag-Argument: dem bleibt ja immer
noch unendlich viel. Stimmt, um genau zu sein sind es wohl so um die
400 Millionen Dollar. Doch was ändert das daran, dass sich hier zwei
sehr reiche Menschen allem Anschein nach dazu entschlossen haben, mit
ihrem Reichtum sinnvolle Sachen anzustellen? Stufe zwei der
Negativ-Interpretation, im Grad der Unterstellung eine Spur härter,
besteht in der Vermutung, dass Zuckerberg hier nur ein gigantisches
Steuerspar-Modell unter dem Schleier der Wohltätigkeit verstecken
will. Schließlich geht das Geld ja nicht in eine Stiftung oder wird
gespendet, sondern in die Chan Zuckerberg Initiative, die zunächst
mal eine Gesellschaft unter der Kontrolle von Mark Zuckerberg ist.
Die Initiative kann mit dem Geld anstellen, was sie will. Im Übrigen
geschieht das längst. Im vergangenen Monat hat sie beispielsweise 20
Millionen Dollar für den Anschluss amerikanischer Schulen an
schnelles Internet gegeben oder auch fünf Millionen, um Einwanderern
den Besuch eines College zu ermöglichen. Nicht unbedingt die Lösung
der Probleme des Planeten, aber auch nicht übel. Was ist es also, das
am Ende so viele Menschen sicher sein lässt, Zuckerberg und seine
Frau hätten gar nicht vor, ihren Reichtum für wirklich sinnvolle
Dinge zu investieren? Haben wir einfach verlernt, auch mal an das
Gute im Menschen zu glauben? Haben wir verlernt, Hoffnung zu haben?
Fühlen wir uns vielleicht weniger schlecht, wenn wir vor allem das
vermeintlich Schlechte in anderen Menschen sehen? Vielleicht ist es
ja auch einfach nur die Ungewissheit gegenüber dem Unbekannten, die
solche Reaktionen hervorruft. Diese Mechanik greift inzwischen an
vielen Stellen des öffentlichen Diskurses. Auch und gerade bei der
Diskussion über die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Statt
anzunehmen, dass diese Menschen sehr wohl zu schätzen wissen, wo sie
angekommen sind, wird an vielen Stellen unterstellt, sie wollten das
Land ändern, ausbeuten, terrorisieren. Das Ganze geht meist einher
mit einem "Ich weiß es besser"-Duktus, der sich von Fakten gar nicht
beeinflussen lassen will. Das gilt auch im Fall Zuckerberg. Fakt ist,
dass er öffentlich verkündet hat, seinen Reichtum für gute Zwecke zu
verwenden - und dabei öffentlich überwacht werden wird. Vielleicht
ist es einfach an der Zeit, auch mal an das Gute im Menschen zu
glauben. Vielleicht sollten wir einfach die Chance sehen und nicht
das Problem suchen.
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Datum: 02.12.2015 - 19:30 Uhr
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