Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel von Claudia Bockholt zu Oscar/Diskriminierungsvorwürfe
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Martin Luther King die vielleicht berühmteste Rede der
Menschheitsgeschichte. Er träumte davon, dass seine vier kleinen
Kinder "eines Tages in einem Land leben, wo sie nicht nach ihrer
Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden". Genau 45
Jahre schien der Traum wahr geworden. Der erste Schwarze im Weißen
Haus leistete seinen Amtseid. Doch acht Jahre später schießt zum
zweiten Mal in Folge der Hashtag "#OscarsSoWhite" durchs Netz. Tritt
die Gesellschaft also doch auf der Stelle? Nicht ganz. Sie bewegt
sich nur sehr, sehr langsam - im Modus "zwei Schritte vor, einen
zurück". Möglicherweise liegt es am schwarzen Präsidenten, dass
Alltagsrassismus in den USA augenfälliger ist denn je. "Black Lives
Matter" - Schwarze Leben zählen - heißt die Parole, mit der
Aktivisten gegen Rassismus in der Strafverfolgung kämpfen, seit ein
selbsternannter Bürgerwehrler nach dem tödlichen Schuss auf einen
unbewaffneten schwarzen Teenager freigesprochen wurde. Vorher und
nachher starben Schwarze. Wackelige Youtube-Videos dokumentieren, wie
weiße Cops Flüchtenden in den Rücken schießen. Zunächst richteten
sich die Blicke der Afroamerikaner erwartungsvoll aufs Weiße Haus.
Doch der Zauber des Neuanfangs ist verflogen. Hexen konnte auch Obama
nicht. Wer hohe Erwartungen hatte, erlebt den Boden der Realität als
besonders hart. 2016 haben die 6000 Filmschaffenden der
Oscar-Akademie - zu 94 Prozent Weiße, zumeist alte Männer - schon
wieder herausragende Leistungen schwarzer Schauspieler ignoriert. Es
ist tatsächlich ein Schlag ins Gesicht, dass statt Michael B. Jordan
einer der wenigen weißen Schauspieler in "Creed", Sylvester Stallone,
nominiert wurde. Und dass die von einem schwarzen Team gedrehte
Rapper-Filmbiografie "Straight Outta Compton" ausgerechnet mit dem
Drehbuch Oscarchancen hat: Es wurde von zwei Weißen geschrieben.
Rassismus kann, muss aber nicht der Grund für Diskriminierung sein.
Die Filmbranche liebt Klischees: Deutsche Schauspieler machen in den
Augen von Hollywood-Produzenten eigentlich nur in Nazi-Uniform eine
gute Figur. Hierzulande läuft es kaum anders: Der tunesischstämmige
Elyas M'Barek, Star seit "Fack ju Göthe", durfte vor seinem
Durchbruch im Wesentlichen kriminelle Türken spielen. Man muss
dahinter nicht einmal eine Verschwörung wittern. Mit klischierten
Typen lässt sich das Unterhaltungskino machen, das ein Großteil des
Publikums sehen will. #OscarsSoWhite erinnert an den hitzigen und
notwendigen Streit um Frauenquoten. Nur die Qualifikation dürfe
zählen, sagen die einen. Die anderen glauben, dass Frauen nie an die
Spitze kommen, solange Männerklüngel den Weg versperrt. Regisseur
Spike Lee, der der Oscar-Verleihung demonstrativ fernbleiben will,
erlebt breite Unterstützung. Allerdings werfen ihm Facebook-Fans auch
vor, dass er seine Leute zum Opfer mache: "Wir müssen aufhören zu
betteln und uns darüber zu beschweren, dass wir nicht an ihrem Tisch
sitzen dürfen!" Ein Schauspieler müsse durch Qualität überzeugen,
wettert eine (weiße) Kommentatorin. Allerdings: Wer bekommt überhaupt
die Chance, seine Fähigkeiten zu zeigen? Für Hispanics in L.A.
dürften die Wutreden schwarzer Promis sogar Luxusprobleme sein:
Mexikaner lässt man in Hollywood-Studios allenfalls Böden wischen.
Der schwarze Komiker Chris Rock, der die Oscar-Nacht am 28. Februar
moderieren wird, kritisiert die einseitige Auswahl der Akademie. Er
merkt aber auch an, dass sich etwas tue in Hollywood. Vor 15 Jahren
seien Filme von Schwarzen noch als Nischenprogramm betrachtet worden.
Das habe sich gründlich geändert: "Sie machen nicht nur Geld - man
erwartet auch von ihnen, dass sie Geld machen". Es gab und gibt also
durchaus Schritte nach vorne. Die Vorauswahl für den 28. Februar ist
leider ein Schritt zurück. Kings Traum ist nicht geplatzt. Doch die
wichtigste "Black Power" scheint auch im 21. Jahrhundert diese zu
sein: Geduld.
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Datum: 22.01.2016 - 21:31 Uhr
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