Mittelbayerische Zeitung: Der Blick von außen: Deutschlands Rolle in der Welt wird wachsen.
Sie sollte selbstbewusst ausgefüllt werden. Von Reinhard Zweigler
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Mitterrand, mit Altkanzler Helmut Kohl unvergesslich per Handschlag
über den Gräbern von Verdun verbunden, meinte einst bewundernd über
seine Nachbarn: Es ist wahr, die Deutschen haben große
Schwierigkeiten, aber sie werden sie meistern, und sie werden danach
stärker sein als je zuvor. Mitunter muss man den Blick von außen auf
das eigene Land richten, um besser ermessen zu können, worin die
eigenen Stärken und Schwächen bestehen. Trotz aller Sorgen,
Schwierigkeiten, die uns in Deutschland derzeit umtreiben, sollte
nicht vergessen werden, das sehr viele Länder dieser Welt gerne
unsere Probleme hätten. Denn es sind lösbare Aufgaben, große
Herausforderungen, ja, aber keine, vor denen man verzagt davon laufen
oder wegen derer man den Kopf in den Sand stecken müsste. Mitterrand
hat seinen Ausspruch angesichts der deutschen Wiedervereinigung
getan, die seinerzeit viele - nationale wie internationale -
Kleingeister für nahezu unmöglich, nicht machbar, nicht finanzierbar
hielten. Wir haben es allerdings doch geschafft. Auch wenn dies kein
Zuckerschlecken war. Auch wenn Nachwehen der Teilung bis in die
Gegenwart nachwirken. Auch wenn es hier und da noch rumpelt, auch
wenn es Ecken und Kanten gibt. Das geteilte Deutschland stand über
vier Jahrzehnte gleichsam unter Kuratel der Siegermächte des Zweiten
Weltkrieges. Die Spielräume für eine eigenständige Politik nach außen
waren begrenzt. Gleichzeitig war das westdeutsche Wirtschaftswunder,
die unaufgeregte Außen- und Sicherheitspolitik der alten
Bundesrepublik ein positives Aushängeschild für ganz Deutschland.
Nach der Wiedervereinigung entstand kein großdeutsches Reich unter
neuen Vorzeichen, wie man das anfangs in Paris und London befürchtet
hatte, sondern das wirtschaftlich stärkste Land innerhalb der
Europäischen Union reihte sich in die Gemeinschaft ein. Helmut Kohl,
Gerhard Schröder und heute Angela Merkel waren oder sind verlässliche
Partner der Verbündeten in der EU, in der Nato, in Europa, in anderen
Teilen der Welt. Das inzwischen weitgehend positive Bild von
Deutschland wurde ebenfalls geprägt von Großereignissen wie dem
Fußball-Sommermärchen von 2006, von tollen Sportlern, Künstlern, von
Weißbier und Weißwurst, von Neuschwanstein, Kölner Dom, von Urlaub in
Berlin, den Alpen oder auf der Insel Rügen. Dass Deutschland in der
Welt ein hohes Ansehen genießt, zeigt nicht zuletzt, dass es immer
mehr zum Anziehungspunkt für kreative Köpfe sowie zum Traumland für
Bürgerkriegsflüchtlinge, für Hungernde und sonstig Notleidende
geworden ist. Mit der "Willkommenskultur" wurde vor einem Jahr ein
neues Kapitel im weltweiten Deutschlandbild aufgeschlagen. Zugleich
jedoch schieden sich an der lange Zeit unbegrenzten, ungesteuerten
Aufnahme von Flüchtlingen die Geister. In Deutschland selbst, wie im
Ausland. Von Donald Trump, von Wladimir Putin, aus Warschau oder
Budapest erntete Deutschland Häme und Kritik. Selbst wohlmeinende
Partner in Paris oder London runzelten die Stirn über die
Herausforderung, die sich die Deutschen, eingerührt von ihrer
Kanzlerin, aufgebürdet haben. Eigentlich gibt es darauf nur eine
einzige Antwort: Deutschland muss die Integration der Menschen, die
im Land bleiben werden, meistern. Das ist in einem Land mit dieser
Kraft, diesem Potenzial zu schaffen. Außen- und sicherheitspolitisch
muss das Land seine gewachsene Rolle selbstbewusst und pragmatisch,
ohne Größenwahn, ausfüllen. Das wird vielleicht nicht jedem gefallen.
Nur beirren lassen sollten wir uns von Zweiflern nicht.
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Datum: 15.08.2016 - 22:13 Uhr
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